Most wanted recitals

More most wanted Recitals

Unter dem Etikett „Most Wanted“ hat das Label Decca eine Fülle von Sängeraufnahmen neu veröffentlicht, darunter echte Raritäten, deren Existenz wohl nur eingefleischten Sammlern bekannt ist. Sie stammen zum größten Teil aus den fünfziger und sechziger Jahren. Die erste und größere Serie wurde an dieser Stelle im August des vergangenen Jahres vorgestellt. Hier nun die Fortsetzung.

Von Christoph Zimmermann

(Januar, 2015) Begonnen sei – „Ladies first“ – mit Inge Borkh. Die Wagner-Heroinen versagte sich die Sängerin in kluger Selbsteinschätzung, obwohl sie eine weltweit gefragte Salome und Elektra von Strauss war. Diese Partien fehlen im vorliegenden CD-Porträt, obwohl Salomes Schlussgesang zu einigen von Josef Krips dirigierten Piècen gehört, von denen jetzt nur die Ozean-Arie aus Webers „Oberon“ und die Konzertarie „Ah, perfido“ von Beethoven zu hören sind, vokal glühend, gestalterisch vibrierend. Dafür beginnt das aus drei Recitals kombinierte Programm mit Rusalkas Lied an den Mond (Dvorak), in seiner innigen Lyrik eine für die Sängerin nicht gerade typische Szene. Aber auf Platte unternehmen Künstler gerne Aufgaben, welche sie sich auf der Bühne versagen. Dies gilt bei Inge Borkh auch für Glucks Alceste und Mascagnis Santuzza. Allerdings wirken diese Arien stimmiger als Cileas Adriana (Wiener Philharmoniker unter Rudolf Moralt), obwohl der dramatische Aplomb der Sängerin auch hier viel Eindruck macht wie auch bei Lisas romantisch zarter Arie aus Debussys Kantate „L’enfant prodigue“. Die mit Feuer und Flamme gestalteten Verdi-Szenen aus „Forza del destino“ und „Ballo in maschera“ wirken hingegen wirklich Borkh-geschneidert, denn sowohl Leonora als auch Amelia befinden sich in verzweifelten Situationen, was zu expressiver Gestaltung einlädt. Das leicht kehlige Timbre der Sängerin mag vielleicht nicht jedermann gefallen, aber es besitzt ausgesprochen reizvolle Farben, außerdem spürt man eine vollkommen emotionale Hingabe, die in Bann zieht.

Ein ebenfalls leicht atypisches Recital – jedenfalls aus heutiger Sicht – ist das von Gwyneth Jones. Die Künstlerin ist mit ihrem in späteren Jahren einigermaßen ausladenden Vibrato für manche Vokalauguren ein Dorn im Ohr, andere Musikfreunde halten sich indes an die totale Rollenvereinnahmung und darstellerische Emphase. Die Recitals von 1966 und 1968 enthalten (von Beethovens „Ah perfido“ abgesehen) ausschließlich Verdi-Partien, mit welchen die walisische Sängerin damals – gerade vom Mezzo zum Sopran gewechselt – ihr Repertoire besonders akzentuierte. Die Aufnahmen hinterlassen ausgesprochen günstige Eindrücke. Gwyneth Jones verfügt noch über eine wirklich jugendfrische Stimme. Zwar spürt man bei der Lady Macbeth („Vieni t’affretta“ mit toll gemeisterter Cabaletta), dass das glutvolle Temperament der Sängerin sich in dieser Szene besonders entfaltet, andererseits führt sie in „Aida“ oder „Otello“ ihr Organ schlank und subtil. (zauberischer Piano-Schlusston im Desdemona-Gebet). Nur in „Don Carlo“ gibt es eine gewisse Unruhe der Kantilenenbildung. Die Londoner Aufnahmen von 1968 profitieren vom energischen Dirigat Edward Downes‘, aber auch Argeo Quadri (1966) zeigt sich als kompetenter Partner am Wiener Staatsopern-Pult.

Von den „drei Tenören“ lebt Luciano Pavarotti nicht mehr, Placido Domingo macht als Bariton weiterhin Karriere, José Carreras ist mit einer eigens für ihn geschriebenen Oper kürzlich noch einmal auf die Bühne zurückgekehrt. Aber seine Karriere dürfte in Bälde auslaufen. Von allen hatte er die vielleicht die schönste Stimme, schlank und doch füllig, dezent baritonal gefärbt, was das fast unerotisch helle Organ Pavarottis gnadenlos ins Hintertreffen geraten lässt. Unter Roberto Benzi debütierte Carreras 1976 mit einem ersten Platten-Recital. Es folgten zwei weitere unter Jesús López-Cobos. Das von 1980 gibt es nun komplett, das von 1979 in Ausschnitten. In beiden Fällen beschränkt sich der Sänger nicht auf gängige Highlights, sondern berücksichtigt z.B. auch Donizettis „Roberto Devereux“ und von Verdi „Vespri Siciliani“, „Attila“ und „Ernani“. Hochinteressant ist die Begegnung mit einer Arie aus Carlos Gomes‘ „Fosca“, wirkungsvolle Szene in einem handlungsverwirrenden Stück. Carreras gestaltet alle Szenen mit Verve, ohne emotional zu übertreiben. Bei seinem Andrea Chènier vereinigen sich lyrische und dramatische Qualitäten besonders stimmig.

Zu „4 Tenören“ hätte es bei Giuseppe Campora, Gianni Poggi, Gino Penno und Giacinto Prandelli sicher nicht gereicht. Diese Sänger sind heute kaum noch bekannt, bestenfalls als Partner  berühmter Sopranistinnen wie Maria Callas, Renata Tebaldi und Zinka Milanov. Decca erinnert nun auch an ihre Solo-Recitals, deren künstlerischer Wert freilich begrenzt ist. Erstaunlicherweise geht Jürgen Kestings Sängerlexikon mit Giuseppe Campora sehr sanft um, was angesichts der 1954 aufgenommenen Arien (der damals unentbehrliche Alberto Erede dirigiert mit dem Orchester der Santa Cecilia Rom auch alle anderen Titel, bis auf die von Penno) ein wenig verwundert. Man hört eine kompakte, nicht sonderlich modulationsfähige Stimme, die vor allem auf Kraft setzt, dennoch hin und wieder schwächelt. Die angenehme Mittellage rechtfertigt prinzipiell das zum Lyrischen tendierende Programm. Dem Fenton in Verdis „Falstaff“ fehlt vokale Süße freilich gänzlich. Gianni Poggi artikuliert wesentlich geschmeidiger und sanfter. Bei der Chénier-Arie „Come un bel di maggio“ lässt sich das unmittelbar vergleichen. Mit nur 36 Jahren soll der Piemonteser Gino Penno seine Karriere beendet haben. Grundsätzlich aufs italienische Repertoire konzentriert, sang er aber häufig auch den Lohengrin (eine Bühnenaufführung mit Renata Tebaldi hat sich erhalten). Bei den Arien aus Bellinis „Norma“ sowie Verdis „Simon Boccanegra“ und „Trovatore“ erlebt man einen soliden Tenor, nicht mehr. Nach all diesen Aufnahmen erfreuen die Tenore-di-Grazia-Qualitäten Giacinto Prandellis, namentlich in Donizetti-Partien (Nemorino, Edgardo, Ernesto). Das Repertoire des Sängers war freilich breiter gestreut, umfasste auch russische Opern und etliche Uraufführungen. Die Donizetti-Arien präsentieren den Sänger als Mittdreißiger.

Von den 60er Jahren an konkurrierten die bulgarischen Bassisten Boris Christoff und Nicolai Ghiaurov miteinander. Manche Opernfreunde bevorzugen die knorrige, hintergründige Autoritätsstimme des älteren Christoff, die anderen das mehr samtig grundierte Organ Ghiaurovs. Zur Weltspitze gehörten freilich beide. Bei Ghiaurovs Leporello (1962) könnte man ein leichtes gestalterisches Defizit sehen, war er doch immer mehr ein Giovanni wie kurze Zeit später in Otto Klemperers Gesamtaufnahme. Über das Duett „Au fond du temple saint“ aus Bizets „Pècheurs des perles“ (mit Pavarottis leicht anämischem Tenor) mag man auch hinsichtlich vokaler Idiomatik streiten. Ghiaurovs Mephisto-Figuren (Gounod/Boito) freilich sind erste Sahne, klingen potent und dämonisch. Sein voluminöser Bass überfällt einen förmlich mit seinen imperialen Ausdrucksgebärden.

In der ersten Staffel von „Decca Most Wanted“ wurde der Bariton Gérard Souzay mit 3 CDs besonders umfänglich berücksichtigt. Diese Recitals datieren aus den 50er und 60er Jahren. Das Aufnahmedatum 1950 dürfte jetzt allerfrüheste Einspielungen des Sängers offerieren, während 1984 möglicherweise den Endpunkt seiner Karriere darstellt. Auch bei 34 Jahren Abstand erkennt man das etwas “väterliche“ Timbre des Künstlers auf Anhieb, ungeachtet des natürlichen Alterungsprozesses der Stimme. So heiter elegant, wie er (unter Assistenz seine langjährigen Begleiters Dalton Baldwin) Debussys „Mandoline“ 1950 vorträgt oder die sanguinische Trinklust von Ravels Don Quichotte hörbar werden lässt, wären ihm diese Lieder später sicher nicht mehr über die Lippen gekommen. Dass der Sänger 1984 ausgerechnet zu den „Nuits d’été“ von Berlioz greift, die man vor allem mit eleganten Frauenstimmen im Ohr hat, war also ein Wagnis, welches tatsächlich nicht ganz befriedigt, obwohl Souzays Pianokunst und melodische Sensibilität weiterhin frappiert. Am stärksten beeindruckt noch „Sur les lagunes“. Der Beginn des Recitals enthält eine Reihe von französischen Liedern, denen man im deutschen Konzertsaal kaum je begegnet: Bizet, Franck, Chabrier, Fauré und Debussy. Das erfreut natürlich.

Immer wieder sind Hermann Prey und Dietrich Fischer-Dieskau kritisch verglichen worden. Während Letzteren immer eine gewisse intellektuelle Strenge umgab, präsentierte sich Prey volksnäher, mit einer nonchalanten Haltung, die sich auch viele Grenzüberschreitungen zur U-Musik erlaubte. Die Mentalitätsunterschiede greifen auch beim Liedgesang. Fischer-Dieskau artikulierte emotional kontrolliert und mit einer mitunter als überspitzt empfundenen Diktion, während Prey gewissermaßen das Herz auf der Zunge trug. Seine Decca-Einspielungen von 1963/65 mit Gerald Moore als Begleiter präsentieren den Sängerin relativ jungen Jahren, sehr maskulin, das Timbre gleichwohl in leichte Melancholie getaucht, was zu seinem genuinen Naturburschentum einen interessanten Kontrast setzt (Wolfs „Fußreise“, „Ach, weh mir unglückhaften Mann“ von Strauss). In der Höhe blüht die Stimme mächtig auf („Zueignung“). Weitere Gesänge in diesem Programm gelten Hans Pfitzners Lieder opus 5 mit ihrer mild verträumten Musik.

Als Hermann Preys ins Rampenlicht zu treten begann, verstarb Heinrich Schlusnus. Seine Karriere hätte, hört man die in der Schweiz entstandenen Liedaufnahmen von 1948/49, sicher noch etliche Jahre andauern können, ist die Stimme doch noch voll intakt, selbst in extremer Höhe. Schlusnus galt vor Prey und Fischer-Dieskau als der deutsche Liedsänger schlechthin, hatte eine ungeheurere Sogkraft auf das Publikum. Heute würde man seinen geradlinigen Stil vermutlich weniger schätzen, doch besitzt seine emotional unmittelbare, ungekünstelte Vortragsweise nach wie vor  Überredungskraft. Das von Sebastian Peschko begleitete Programm ist romantisch, also Schlusnus-typisch: Schubert, Schumann und Wolf. Der Bonus-Teil mit einigen von Otto Edelmann gesungenen Opernszenen wirkt etwas unorganisch.

Der „Dienstälteste“ unter den Lied-Sängern bei „Most Wanted“ ist Hans Hotter. Obwohl besonders als Wagner-Interpret geschätzt, war er auch auf dem Konzertpodium sehr aktiv. Bereits in den Kriegsjahren, als der Pianist Michael Raucheisen bei der Reichsrundfunk-Gesellschaft das Projekt „Lied der Welt“ ins Leben rief, war er einer der führenden Protagonisten. Und nicht von ungefähr übertitelte der Sänger seine Autobiografie mit „Der Mai war mir gewogen“. Die Gesänge von Loewe, Wolf, Strauss und Brahms entstanden 1973, also in einer Spätzeit von Hotters Karriere. Das manchmal etwas mulmige Timbre ist freilich kein Tribut an das Alter, sondern war der Stimme von jeher eigen. Frappierend nach wie vor ist der Reichtum an Ausdrucksnuancen, die sogar bis in die humoristische Atmosphäre reichen (Wolf „Der verzweifelte Liebhaber“). Bei „Ruhe, Süßliebchen“ aus der „Schönen Magelone“ von Brahms fehlt es freilich an ruhiger Stimmführung und Verträumtheit. Die Loewe-Balladen „Odins Meeresritt“ und „Die wandelnde Glocke“ entsprechen Hotters Ausdrucksmöglichkeiten hingegen voll.

Der Stimme von Régine Crespin eignet eine ausgesprochen noble Farbe. Kein Wunder, dass ihr „hohe“ Frauen besonders gut lagen, ob die lyrisch versonnene Marschallin oder die kapriziös temperamentvolle Großherzogin von Gerolstein. In den beiden Londoner Lied-Recitals von 1966 und 1967 (Klavierpartner: John Wustman) ist Heiteres bei Wolfs „Penna“ und noch stärker bei Poulencs „Les gars qui vont à la fête“ und „Fêtes galantes“ höchst vergnüglich eingefangen. Dennoch liegt über der Stimme eine gewisse Schwermut, so dass Lieder von ernstem Charakter noch idiomatischer wirken. Das üppig Blühende von Régine Crespins Organ lässt Verdis Desdemona (aus einem wiederum in London entstandenen Opernarien-Programm von 1963) zwar etwas reif erscheinen, aber der ätherische Gesang hat etwas Narkotisches und Ergreifendes. Wider Erwarten liegt der Sängerin auch Mascagnis Santuzza. Über die Künstlerin ist durchaus kontrovers diskutiert worden, auch was die Wahl ihrer Opernrollen betrifft (Brünnhilde bei Karajan). Die vorliegenden Aufnahmen sind jedoch eine reine Freude.

Die Decca-Serie präsentiert auch zwei Sängerinnen, welche heute völlig unbekannt sein dürften, in den sechziger Jahren aber offenbar eine gute Karriere versprachen. Die dramatische Sopranistin Nancy Tatum hat es bis zur Met geschafft und war in Deutschland speziell an der Düsseldorfer Rheinoper sehr beliebt. Ihre belastbare Stimme ist mit sicherer, aber auch leicht greller Höhe (Webers Ozean-Arie, 1965) freilich nicht immer ein Genuss. Erstaunlicherweise überzeugt sie bei der Agathen-Kavatine „Und ob die Wolke“ mit lyrischer Flexibilität. Am besten gelingt ihr das “Suicidio“ aus Ponchiellis „Gioconda“. Bei einer Kollektion mit Songs aus ihrer amerikanischen Heimat (1966) hat Nancy Tatum den versierten Geoffrey Parsons an ihrer Seite. Biografisches über Ursula Farr ist nicht in Erfahrung zu bringen. Man darf in ihr aber schon wegen des Dirigenten Franz Bauer-Theussl eine Österreicherin vermuten. In zwei Programmen vom Beginn der 70er Jahre bietet sie neben Mozart, Beethoven, Weber, Flotow, Lortzing, Verdi und Puccini auch eine ganze Reihe von Operettentiteln, die allesamt Schwung und Charme besitzen, ohne aber Durchschnittsqualität zu überschreiten.

Mit diesen Einspielungen lässt sich eine Brücke zum finalen Kapitel dieses Beitrags schlagen. Es geht um ausschließlich Gefälliges, mitunter an der Geschmacksgrenze. Viele Worte sind also nicht zu verlieren. Dass Hilde Güden auch Operette gesungen hat, ist nicht nur legitim, sondern gehört sich für eine Wienerin ganz einfach. Im Musical-Bereich klingt ihre Silberstimme allerdings ein wenig fremd, wenn auch reizvoll genug, um den Titeln von Noel Coward und Ivor Novello genussvoll zu lauschen. Bei dem von Max Schönherr zusammengestellten und arrangierten Programm „This is my Vienna“, beginnend mit „O du lieber Augustin“, wird es freilich schon etwas seichter, bei Kinder- und Weihnachtsliedern geht es noch eine Etage tiefer hinab. Die Schweizerin Lisa della Casa tat sich mit ihrem Landsmann Vico Torriani zusammen – auch ein sehr spezielles Ergebnis. Immerhin wird diese CD von Cristina Deutekom beschlossen, welche mit Titeln von Robert Stolz, George Gershwin, Peter Kreuder und anderen mit weitaus mehr Charme aufwartet in der ersten Decca-Serie.

[zur nächsten CD-Rezension]

0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.