Mortier Dramaturgie

Dramaturgie eines Leidenschaftlichen

Kurz nach seinem Tod ist Gerard Mortiers Theaterbuch „Dramaturgie einer Leidenschaft – Für ein Theater als Religion des Menschlichen“ erschienen – gewissermaßen als Vermächtnis des bedeutenden Theaterleiters.
Von Robert Jungwirth

(März 2014) „Am Beginn des 21. Jahrhunderts muss man einen beunruhigenden Stillstand in unseren westlichen Theatern bemerken“, schreibt Gerard Mortier zu Beginn seines Buchs „Dramaturgie einer Leidenschaft“, das wenige Tage nach seinem Tod am 9. März erschienen ist. „Wir erleben gegenwärtig eine Periode der Restauration. Meistens qualifizieren sich die neuen künstlerischen Leiter mehr durch ihre Virtuosität im Verkauf eines beliebigen Produkts als durch ihre Innovationskraft und Kreativität bei der künstlerischen und inhaltlichen Gestaltung der Spielpläne“, so Mortier weiter. Beunruhigt war der Unruhegeist Gerard Mortier Zeit seines Lebens und er daraus zog ein Gutteil seiner Energie und seines Engagements – bis zuletzt. Genau das sollte Theater erreichen, uns im besten Sinn beunruhigen, nicht sedieren oder nur unterhalten. „Theater muss nicht schockieren, aber es muss uns aufrütteln in unseren täglichen Gewohnheiten, unserem Konformismus und in unseren Gefühlen, die sich nicht auf bloße Sentimentalität beschränken dürfen. Auf diese Art kann das Theater zum Keim unseres Handelns in der Welt werden, weil es uns erschüttert und weil die aus der Erschütterung hervorgehenden Emotionen jene Kreativität entstehen lassen, die eine existenzielle Kraft des Menschlichen sind.“

Aus dieser Grundannahme ergaben sich die Prämissen für Mortiers Arbeit als Theaterleiter in Brüssel, Salzburg, bei der Ruhrtriennale, in Paris und zuletzt in Madrid: die unverzichtbare Zeitgenossenschaft des Theaters, der Bezug zum real existierenden heutigen Menschen. Dies werde aber nicht dadurch erreicht, dass man die Werke der Opernliteratur im historischen Kolorit darbietet. Historisierende Opernregie bezeichnet Mortier in gewohnter Deutlichkeit als „konzertante Oper in Kostümen“. „Der Ruf nach ‚historischen‘ Dekorationen und Kostümen für die Aufführung eines Stücks aus der Vergangenheit ist deshalb eine reine Voreingenommenheit, weil es keinen besseren Romeo und keine bessere Julia aus zwei jugendlichen Amerikanern macht, wenn man sie in Renaissance-Kostüme steckt, als wenn sie in Jeans in den Städten spielen, in denen die Clans einander umbringen.“

Mortier beschreibt in seinem Buch, das eine aktualisierte und erweiterte Fassung eines Textes ist, der 2009 und 2010 auf Französisch und Spanisch erschienen ist, zahlreiche Aufführungen, die für ihn gelungenes Theater bedeuten, beschreibt wichtige Begegnungen mit Theater- und Musikerpersönlichkeiten, wie Christoph von Dohnany, Peter Sellars oder Christoph Marthaler, die Oper als Gesamtheit betrachten und nicht bloß als die Zusammenfügung einzelner Spitzenleistungen. Ausgehend von der Musikdramaturgie eines Claudio Monteverdi erkennt Mortier in dessen dramma per musica die wesentlichen Bezugspunkte für Opernproduktionen auch heute noch. Dementsprechend soll es in der Oper immer darum gehen, einen „theatralischen Raum“ zu schaffen, der das musikalische Drama bestmöglich transportiert. Unbelastete Orte, wie die Industriehallen im Ruhrgebiet können das u.U. sogar besser als mit Traditionen überlastete Gebäude wie das Pariser Palais Garnier, so Mortier. Mit dem Palais Garnier geht Mortier sogar besonders kritisch ins Gericht: „Mit dem Palais Garnier ehrt Napoleon III. das Großbürgertum und den triumphierenden Kapitalismus (…) Das Bürgertum findet in diesem Palais am Ende der Avenue de L’Opéra sein Versailles (…) Der Umstand, dass man von den Seitenplätzen der Balkons so gut wie nichts von der Bühne sieht, störte niemanden, weil sich das eigentliche Spektakel im Zuschauerraum und seinen zahlreichen Logen abspielte.“

Oper war für Mortier immer politisch und ein Ort, an dem Reflexion und Emotion zueinanderfinden und im besten Fall positiv auf den Menschen wirken sollen. Von dieser Wirkungsästhetik war der große Theatermann nicht nur überzeugt, sondern beseelt. „Theater machen ist also eine Sendung, ein priesterliches Amt beinahe, ohne darum eine Offenbarungsreligion zu sein. Das Theater ist eine Religion des Menschlichen.“
Für diese „Religion des Menschlichen“ hat Mortier gelebt – bis zuletzt. Die vielen Theaterleute, die mit ihm über die Jahre hinweg zusammengearbeitet haben, und von ihm inspiriert wurden, werden seine Ideen und Überzeugungen weitertragen.

Gerard Mortier: Dramaturgie einer Leidenschaft
Bärenreiter/Metzler Verlag, 120 Seiten, 24,95 Euro

[zur nächsten Buch-Rezension]

 

 


0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.