Monteverdis Ulisse in Innsbruck

Ein Schiff wird kommen

Monteverdis „Il ritorno d’Ulisse in patria“ in einer klamaukigen Inzenierung bei den Festwochen der Alten Musik in Innsbruck

Von Robert Jungwirth

(Innsbruck, 10. August 2017) Geschlagen vom Schicksal ist Odysseus Ehefrau Penelope gleich zweifach. Zum einen, weil ihr Gatte 20 Jahre lang verschollen ist, zum anderen, weil sie mit der Zudringlichkeit einer Handvoll ungehobelter Verehrer zu kämpfen hat, derer sie sich standhaft zu widersetzen versucht. Doch stete Avancen höhlen auch ihren Widerstand mehr und mehr aus. Jedenfalls in Ole Anders Tandbergs Innsbrucker Inszenierung. Christine Rice als Penelope trägt von Beginn an ein Brautkleid und ist den Flirts der Freier nicht wirklich abgeneigt. Als schließlich ihr lang vermisster Göttergatte doch noch auftaucht, begrüßt sie ihn lediglich mit Handschlag. Das ist ernüchternd.

Ein Heimkehrerschicksal also. Da geht es Odysseus nicht anders als vielen anderen Kriegsheimkehrer. Doch sorgt Monteverdi natürlich noch fürs happy end. Tandberg aber hat sichtlich Spaß daran, hehre griechische Mythologie mit derbem Wirtshauscharme zu kontrastieren, auch wenn das nicht wirklich schlüssig zusammengeht und manches wie überdrehtes Studententheater wirkt. So spielt die ganze Oper bei Tandberg in einer von Erlend Birkeland entworfenen heruntergekommenen Hafenkneipe mit trüber Holzvertäfelung und ungemütlicher Neonbeleuchtung. Und weil Tandberg Norweger ist und die Oper Oslo koproduziert, ist der Ort der Handlung eben Oslo. Hier lungern die Freier neben Penelope an einem langen Tisch herum, als hätten Christoph Marthaler und Aki Kaurismäki zusammen eine Filmsequenz gedreht.

Und Odysseus ist eben irgendein Schiffskapitän, der leider vom Kurs abgekommen ist und seitdem den Heimweg sucht. Kresimir Spicer, der die Partie schon in zahlreichen Produktionen erfolgreich gesungen hat, bietet ihn ein wenig angestrengt und forciert, nicht immer wirklich überzeugend im Stimmklang. Am besten gerade ihm die intimen, leisen Passagen.

Kresimir Spicer und Christine Rice Foto: Innsbrucker Festwochen / Rupert Larl

Monteverdis vorletzte Oper – rund 30 Jahre nach dem Orfeo für Venedig entstanden – ist musikalisch von diesem durchaus verschieden. Der opulente Madrigalstil wird im Ulisse durch einen rezitativischen Stil ersetzt, Chor gibt es keinen. Und wie beim Orfeo obliegt es dem Dirigenten aus den überlieferten Stimmen eine Orchesterfassung zu erstellen oder sich für eine bereits bestehende zu entscheiden. Möglich ist hier vieles. Der Alte-Musik-Experte und Leiter der Innsbrucker Festwochen Alessandro De Marchi hat für sein Orchester, die Academia Montis Regalis, selbstverständlich eine eigene Fassung erstellt, die vor allem die beiden Sphären der Götterwelt und die der Menschen akustisch sehr schön kontrastiert.

Eine, wie de Marchi sagt, in Marmor gemeißelte Musik mit Zinken, Orgel und Streichern repräsentiert die Götterwelt, einfache Continuo-Begleitung die der Menschen. Die Musiker folgen De Marchi denn auch mit wacher Konzentration und sprechendem Duktus.

Gesanglich überzeugen am meisten ausgerechnet die Freier und der alte Hirte, der Odysseus als erster erkennt. Der Alte-Musik erfahrene Jeffrey Francis bringt so viel stimmliches Können auf, wie man es sich von den beiden Protagonisten Penelope und Odysseus gewünscht hätte. Tandbergs allzu klamaukige Inszenierung, die selbst nicht vor reichlich Ketchup-Einsatz für die von Odysseus mit Pfeil und Bogen niedergemetzelten Freier zurückschreckt, und eine nicht durchgängig überzeugende Sängerleistung enttäuschen auf die Dauer dann doch ein wenig – auch wenn De Marchi und seine Musiker Monteverdis ungemein vielgestaltige Musik immer wieder mit Leben und Esprit erfüllen.

Foto: Innsbrucker Festwochen / Rupert Larl

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