Monteverdis Marienvesper in Innsbruck

Tänzerischer Freudentaumel

Rinaldo Alessandrini und sein Concerto Italiano mit einer sensationellen Marienvesper von Monteverdi bei den Innsbrucker Festwochen

Von Robert Jungwirth

(Innsbruck, 11. August 2017) Claudio Monteverdi hat seine Marienvesper 1610 für den Papst komponiert, gewissermaßen als Bewerbungskomposition für eine Stellung in Rom. Doch Papst Paul V. hat seine Komposition nie gehört, und Monteverdi bekanntlich auch keine Stellung in Rom bekommen. Und dieses Werk, zu dem sich der Papst noch nicht einmal herabgelassen hat, es anzuhören, verschlägt uns nach über 400 Jahren noch immer die Sprache mit seiner Klangpracht, seiner sinnlichen Virtuosität zwischen Kontemplation und Jubelschall und seinem schier unendlichen musikalischen Gestaltungsreichtum in der Ausgestaltung des Marienlobs. Vor allem, wenn es so aufgeführt wird wie jetzt bei den Innsbrucker Festwochen für Alte Musik durch das Ensemble Concerto Italiano unter seinem Gründerleiter Rinaldo Alessandrini. Alessandrini, seit vielen Jahren einer der herausragenden Interpreten der Musik Monteverdis, aber auch ganz generell von Musik des 17. und 18. Jahrhunderts, verleiht der Marienvesper zusammen mit einem solistisch besetzen Chor (10 Sängerinnen und Sänger, darunter die beiden Sopranistinnen Maria Piccinini und Anna Simboli) und den insgesamt 13 Musikern eine so überragende Lebendigkeit in der Ausgestaltung der so überaus reichen Figurationen, dass man nur bewundernd staunen kann.
Jede Phrase, ja jeder Ton ist mit Aussage erfüllt, nichts wirkt beiläufig, noch die kleinste Betonung ist – wie Monteverdi dies auch beabsichtigt hat – musikalische Interpretation des Textes. Aber dies geschieht bei Alessandrini so schwungvoll und lustvoll, so konzentriert wie leichtfüßig, wie es nur gelingen kann, wenn man sich als Musiker zu jeder Zeit darüber im Klaren ist, was die Musik aussagen will. Diese Musiker und Sänger wissen, was sie tun.

Die wechselnde Abfolge von solistischen Passagen, Duetten und Chorsätzen, auch mitunter innerhalb eines Stücks, macht den großen Reiz dieser Marienvesper aus. Als Textgrundlage dienen Psalmen, deren bildkräftige Sprache Monteverdi mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln ebenso farb- und ausdrucksstark in Musik übersetzte. Welche Stärke, welcher bewegende Aufschwung etwa wird hörbar im Laudate pueri bei der Stelle „den Ohnmächtigen richtet er auf, den Armen hebt er aus dem Staub“. Wie unendlich anmutig, der Liebesgesang der beiden Soprane im Pulchra „Schön bist du, meine Freundin, lieblich und anmutig wie Jerusalem“, wie enorm virtuos in der Gestaltung der Koloraturen in Due Seraphim, welche unglaubliche Pachtentfaltung gegen Ende des Nisi Dominus oder im darauffolgenden „Audi coelum“. Dazu kommen die rhythmische Vielfalt und tänzerische Beschwingtheit vieler Nummern, wie im Lauda Jerusalem oder natürlich im Ave maris stella. Eine solche tänzerische Freude bei gleichzeitig höchster Kunstfertigkeit in der Ausgestaltung gibt es in der Musikgeschichte erst wieder bei Bach.

Das alles verlebendigen die Sänger und Musiker unter Alessandrinis Leitung frisch und virtuos, so perfekt in Klanggebung und Intonation. Alles ist kundig durchgestaltet und klanglich überragend präsentiert. Es spricht für den Leiter der Innsbrucker Festwochen Alessandro De Marchi, dass er auch diese hochkarätige „Konkurrenz“ zu seinem eigenen Ensemble zulässt – und auch selbst im Publikum sitzt.

Die Wahl des Orts für dieses Konzert war übrigens ebenfalls sehr gelungen, die Jesuitenkirche bildet einen geradezu perfekten Klangraum für Monteverdis Musik, lässt einzelne Geigentöne ebenso klar und farbig zur Geltung kommen wie Posaunen und Zinken (ganz phantastisch: Doron Sherwin, Bork-Frithjof Smith und Friederike Otto) und natürlich auch die Gesangsstimmen. Die Kirche ist übrigens in etwa zur gleichen Zeit entstanden, als Monteverdi seine Vesper komponierte.

Und noch eine Besonderheit bietet Innsbruck in Sachen Monteverdi: Im sehr sehenswerten Kunstmuseum im Landesmuseum der Stadt hängt das berühmteste und schönste Porträt Claudio Monteverdis, von Bernardo Strozzi 1630 in Venedig gemalt. Wie das Bild nach Innsbruck kam und warum es im Landesmuseum hängt, darüber erfährt man allerdings leider nichts.

Noch bis zum 27. August bieten die Innsbrucker Festwochen eine spannende Aufführung nach der anderen, wie z.B. niederländische Vokalpolyphonie mit dem Ensemble Cinquecento am 13., ein interkulturelles Konzert mit der Sängerin Yasemin Sannino am 16., ein Konzert mit der Sopranistin Nuria Rial am 17., Alessandro Stradellas Oratorium über Johannes den Täufer, bei dem die Figur der Salome mindestens ebenso wichtig wird, mit De Marchi und seinem Ensemble am 18. oder den Auftritt der Geigerin Isabell Faust mit der Akademie für Alte Musik am 23. August und noch mehr. Infos unter: www.altemusik.at

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