Monteverdi und Gluck

Arcis-Vocalisten Foto: Germar Heinicke

Der doppelte Orpheus

Arcis-Vocalisten und L’arpa festante widmen sich mit großem Erfolg Monteverdis „L’Orfeo“ und Glucks „Orfeo ed Euridice“

Von Klaus Kalchschmid

(München, 25., 28. Mai 2017) Im Mai vor 450 Jahren wurde Claudio Monteverdi geboren, doch das findet kaum Niederschlag in Münchens subventioniertem Musikleben. Dafür gab es jetzt in der Sendlinger Himmelfahrtskirche eine konzertante Aufführung des „L’Orfeo“, dem ersten Meisterwerk der Operngeschichte, uraufgeführt 1607 und mit der berühmten Hymne der Gonzaga beginnend. Der Chor der Arcis-Vocalisten, fast durchweg gute bis sehr gute Solisten und ein exzellentes Originalklang-Ensemble wie „L’arpa festante“ garantierten eine Aufführung, die kaum einen Vergleich scheuen muss.

Die von Dirigent Thomas Gropper gewählte historische (venezianische) Stimmung von 465 hz (gegenüber den heute üblichen 440 hz) verspricht zwar einen hellen, brillanten Klang, brächte einen Bariton – mit dem man heute oft den Orfeo besetzt – aber vielleicht an seine Grenzen. Da war der warm und fein singende Tenor Georg Poplutz ideal. Er artikulierte und modellierte stilsicher und übertrieb nie die Expression; vielmehr gestaltete er seinen umfangreichen, vielschichtigen Part mit zahlreichen Schattierungen. Raphael Sigling konnte gleich in drei Partien mit seinem tiefen, voluminösen Bass überzeugen: als Fährmann Caronte, Plutone und am Ende als Gott Apoll, der mit seinem Schützling Orpheus gen Himmel fährt und ihn dort als Sternbild verewigt. Regine Jurda gab mit dunklem Mezzo sowohl der Todesbotin (Messaggera) wie Proserpina Autorität. Die Hoffnung (Speranza) war mit einem klangvollen Countertenor besetzt (Andreas Pehl), unter den vier Hirten ragte Tenor Christian Rathgeber heraus. Und dann gab es noch die Stimme eines zarten Echos auf den Gesang Orpheus‘ zu Beginn des dritten Akts – von Dirigent Thomas Gropper, der ja ein renommierter Sänger ist, selbst dargeboten.

Gropper hatte seinen Chor, die Arcis-Vocalisten, perfekt einstudiert und zu einem ungemein präsenten, in jeder Stimme rund und präzise klingenden Instrument geformt. Facettenreiche Dynamik, die mit lebendiger Artikulation einhergehend große Lockerheit und Flexibilität erzeugte, aber auch dichter, schon mal messerscharfer Ausdruck harmonierten aufs Schönste mit dem Originalklang-Ensemble von „L’arpa festante“, das den Ritornellen und Sinfonien klanglich prägnantes Gewicht gab, den Chor unter anderem mit vier Posaunen und Zinken stützte oder – im kleinen Continuo – den Solisten perfekter Begleiter war.

Mit „Orfeo ed Euridice“ gab es wenige Tage zuvor eine 155 Jahre später entstandene, 1762 uraufgeführte Version von Gluck zu hören, die bei allen Unterschieden in der kompositorischen Faktur und Stilistik doch ähnliche musikalische Kraft entwickelt. Die Reduktion auf nur drei Solisten und ein quasi durchkomponiertes Prinzip, das das Schema Rezitativ/Arie aufbricht und dem Chor eine tragende Rolle verschafft, setzen der barocken opera seria etwas ganz Neues entgegen. Sowohl in der Dauer von nur 90 Minuten wie im Libretto wird Wert auf Konzentration und Geradlinigkeit gelegt. So beginnen Gluck und sein Textdichter Ranieri de Calzabigi bereits mit dem Begräbnis der Euridice (Anna Karmasin mit feiner lyrischer Expression wie schon bei Monteverdi). Erst im dritten Akt tritt sie auf, singt sich dann aber im erregten Dialog mit ihrem Geliebten so in Verzweiflung über seine angeblich mangelnde Zuneigung hinein (weil er sich nicht nach ihr verbotenerweise umdreht), dass es am Ende zur Katastrophe kommen muss. Doch Amor (ein passend leichter Sopran: Maria Weber) als die personifizierte Liebe greift hier entschieden ein und am glücklichen Ende steht ein heiteres Terzett.

Countertenor Franz Vitzthum war ein hinreißender thrakischer Sänger mit viel Fingerspitzengefühl auch in den Verzierungen. Trotz der tiefen – spätbarocken – Stimmung von 415 hz wurde Vitzthum der Partie mit seinem so fein timbrierten, flexiblen und diffenziert ausdrucksvollen Countertenor vollendet gerecht. Nicht zuletzt in der Konfrontation mit dem Chor – man denke an die Furien der Unterwelt – gab es musikdramatisch so prägnante Szenen, dass man Bühne und Kostüme – wie schon bei Monteverdi – kaum vermisste.

Münchner Philharmoniker


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