Dona nobis pacem

Christian Thielemann Foto: Matthias Creutziger

Das Dresdner Gedenkkonzert mit Beethovens Missa Solemnis unter Thielemann

(Dresden, 13. Februar 2010) "Dona nobis pacem" - mit dieser inständigen Bitte endet Beethovens monumentale Missa solemnis. Selten hatte sie eine derart kathartische Wirkung wie beim jüngsten Sinfoniekonzert in der Dresdner Semperoper unter dem künftigen Chefdirigenten der Dresdner Staatskapelle Christian Thielemann. Traditionell seit 1951 widmet die Sächsische Staatskapelle zwei Konzerte am 13. und 14. Februar dem Gedenken der Bombenangriffe von 1945. Und natürlich wächst einer solchen Friedensbitte angesichts der Aufmärsche von Neonazis eine noch größere Bedeutung zu. Noch wenige Tage vor dem Konzert hatte Isang Enders, 22-jähriger Solocellist des Orchesters, seine Teilnahme an dem Konzert aus Angst und Protest gegen den Rechtsextremismus abgesagt. Damit wären noch nicht alle Turbulenzen genannt, die das politische und kulturelle Leben Dresdens in den vergangenen Tagen und Wochen zu verkraften hatte. Denn ferner machen der Semperoper, die zeitgleich ihr 25-jähriges Jubiläum feiert, die Zwistigkeiten mit Fabio Luisi zu schaffen.
Unerwartet hatte der Italiener seinen 2012 auslaufenden Vertrag als Generalmusikdirektor vorzeitig gekündigt, nachdem er erfahren hatte, dass sein Orchester in diesem Jahr ein vom ZDF übertragenes Silvesterkonzert mit Thielemann plant. Ob Luisi zur Vertragserfüllung gezwungen werden kann, wie das Kultusministerium glaubt, ist nun eine rein juristische Angelegenheit, und noch gibt es für die anstehenden Premieren keinen Ersatz für ihn.

Nur soviel konnte Thielemann am Rande eines Pressegesprächs klarstellen: Dass das ZDF schon vor langer Zeit mit der Idee an ihn herangetreten war, ihn mit welchem Orchester auch immer für ein Silvesterkonzert gewinnen zu wollen. Nun schien die Zeit reif, und eine andere Option für ein Silvesterkonzert hätte ohnehin nicht existiert.
All diese Spannungen und Misslichkeiten, sie fielen nun ab von den Musikern, und auch vom Publikum, das in aller Stille stehend das Konzert ausklingen ließ.
Im Ganzen war dies ein großes musikalisches Ereignis, auch wenn man nicht umhin kommt, dass diese Missa mit ihrer monumentalen Partitur, ihrer komplizierten, polyphonen Satztechnik und sinfonischen Dramatik ein sperriges, schwer verständliches Werk ist. Eines dazu, das an den Chor und an die Solisten mit seiner instrumentalen Ausrichtung höchste Anforderungen stellt. Schon die grandiose Konzertsängerin Elisabeth Schwarzkopf befand den Sopransolopart als einen der heikelsten der Literatur, vor allem das Solo im Benedictus mit plötzlichen Fortissimo-Ausbrüchen und vielen aufsteigenden Skalen, die in einem Pianissimo münden.
Es war Herbert von Karajan, unter dem Schwarzkopf die Missa erstmals einstudierte, und dessen Assistent Thielemann in jungen Jahren einmal war, dem der Berliner Thielemann nun mit seiner Interpretation näher gekommen ist denn je. Das zeigt sich einerseits an der großen Wucht, mit der er schon das majestätische Kyrie angeht und erst recht an dem stupend schnellen Tempo, das er Chor und Orchester im Gloria verordnet. Sergiu Celibidache, dessen Klangphilosophie der Langsamkeit bei monumentalen Orchestertutti Thielemann als Chef der Münchner entdeckt hatte, würde vermutlich den Kopf schütteln.
Große Könnerschaft bezeugt diese Aufführung gleichwohl, schon weil es Thielemann - die komplexe Partitur auswendig im Kopf! -  so mühelos gelingt, Transparenz und Elastizität im komplizierten Stimmengeflecht des Chormassivs zu wahren.
Einfach grandios ist dieser Staatsopernchor, der seismografisch auf die präzise Zeichengebung seines Dirigenten reagiert, der bei großen Chorwerken auf den Einsatz eines Taktstocks verzichtet.
Das hochkarätige Solistenensemble war mit Krassimira Stoyanova, Elina Garanca, Michael Schade und Franz-Josef Selig trefflich gewählt, bezeugte Geschlossenheit und agierte wie ein Register eines Instruments. Und das mit besonderem Nachdruck beim "Dona nobis pacem". Noch lange hallten sie innerlich nach - diese drei Worte.
Kirsten Liese

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