Miranda nach Purcell begeistert an der Oper Bordeaux

Rache der Auferstandenen

Die Oper Bordeaux zeigt das faszinierende Opernpasticcio „Miranda“ nach Purcell und Shakespeare

Von Robert Jungwirth

(Bordeaux, 3. Mai 2019) Wir sind in Suffolk, England, in einer Kirche. Vorbereitungen für einen Trauergottesdienst werden getroffen, Blumen dekoriert, Stühle arrangiert usw. Schließlich betritt die Trauergemeinde die Kirche, ein Sarg wird hereingefahren. Aus den Gesprächen wird klar, was passiert ist. Miranda, die Tochter Prosperos, hat Selbstmord begangen irgendwo im Meer. Gefunden hat man sie nicht, der Sarg ist leer. Kirchengesänge wechseln sich ab mit Arien der Hinterbliebenen. Ferdinand, Mirandas Gatte, ist depressiv geworden, Anthony, Prosperos junger Sohn, ist komplett überfordert mit der Situation. Aus dem Orchestergraben dringen herzzerreißende Schmerzensklänge. Prospero dagegen wirkt unwirsch, eher ärgerlich als traurig. Dem Pfarrer gibt er herrische Anweisungen.

Ja, wir kennen diesen Prospero als Hauptfigur aus Shakespeares „Sturm“. Auch Anthony und Ferdinand kommen darin vor – und auch Miranda. Sie ist im „Sturm“ eine blasse Nebenfigur, deren Hauptaufgabe darin besteht, Ferdinand zu heiraten, damit das Drama glücklich ausgehen und Prospero von seiner Insel als Herzog zurück in die Zivilisation kehren kann. In der Oper „Miranda“ wird sie zur Hauptperson.

Regisseurin Katie Mitchell und Dirigent Raphael Pichon haben diese Semi-Opera ersonnen mit dem Personal aus dem „Sturm“ und mit Musik von Henry Purcell. Weitgehend unbekannter Musik, die Purcell zu Shakespeare-Dramen komponiert hat und die heute keiner mehr spielt. Sehr zu unrecht wie Pichon fand, denn ihre musikalische Qualität sei sehr hoch. Also kreierten die beiden ein Pasticcio, wie man das in früheren Jahrhunderten getan hat, ein Arrangement mit bestehender Musik in einem neuen Kontext. Mit einbezogen hat Pichon dazu auch geistliche Musik Purcells, die heute nicht minder unbekannt sind. Ein mutiges, in seiner klaren Dramaturgie und punktgenauen musikalischen und szenischen Umsetzung jedoch absolut faszinierendes Projekt, das an der Pariser Opera Comique seine Uraufführung erlebte und jetzt in der koproduzierenden Oper von Bordeaux gezeigt wird (auch die Oper Köln ist beteiligt und wird die Produktion noch zeigen).

Das 2006 gegründete Originalklangensemble Orchestre Pygmalion, das der Oper Bordeaux angegliedert ist, hat sich in den vergangenen Jahren einen hervorragenden Ruf erspielt. Und das, was die Musiker in diesem Pasticcio an farbiger Klanglichkeit, an innigen Seelentönen hervorzaubern, ist faszinierend. Nicht minder sind es die Sängerinnen und Sänger, allen voran Kate Lindsey als Miranda und Henry Waddington als Prospero. Auch der Chor begeistert mit trennscharfer und glasklarer Diktion.

Doch worum geht es nun eigentlich in „Miranda“? Die Semi-Opera, in der es auch gesprochenen Text gibt wie in Purcells Original Semi-Operas, erzählt von der Rache Mirandas an ihrem Vater und ihrem Bräutigam, die beide das Mädchen Miranda für ihre Zwecke missbraucht und unterdrückt hatten. Ihren Selbstmord hat Miranda bloß inszeniert, um bei der Trauerfeier leibhaftig in der Kirche zu erscheinen und ihre schockierten Angehörigen mit einer drastischen Anklage gegen Prospero und Ferdinand zu konfrontieren – mit vorgehaltener Pistole. An Handlung passiert nicht recht viel mehr in diesem Stück, aber das muss es auch gar nicht, denn es sind eher die Details, die musikalischen und die szenisch-schauspielerischen, die für Spannung sorgen und ein psychologisches Kammerspiel mit ungewissem Ausgang erzeugen. Reumütig nämlich ist Prospero keineswegs nach der „Wiederauferstehung“ seiner Tochter – im Gegenteil: er bestraft sie mit einer Ohrfeige für ihren drastischen Schritt. Erst allmählich gelingt es Miranda, in ihm ein Bewusstsein für seine Vergehen zu wecken. Am Ende legt sie ihm einfach nur den Revolver hin.

Katie Mitchell sorgt in diesem Kammerspiel bei allen Sängerinnen und Sängern für minutiöse gestisch-mimische Akzente. Kein Wunder, dass ARTE die Oper fürs Fernsehen aufgezeichnet hat. Der Mut des Produktionsteams für die Recreation sowie die herausragende szenisch-musikalische Leistungen wurden in Bordeaux vom Publikum mit lautstarkem, lang anhaltendem Applaus belohnt.

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