Midsummer Night's Dream Genf

Opernkritik: A Midsummer Night’s Dream

Ein weiblicher Wald

Foto: GTG/Carole Parodi

Katharina Thalbach inszeniert Brittens „A Midsummer Night‘s Dream“ mit hervorragenden jungen Sängern in Genf
Von Klaus Kalchschmid
(Genf, 21. November 2015) Es ist der Höhepunkt von Shakespeares Komödie wie von Benjamin Brittens Oper, uraufgeführt 1960. Und in Katharina Thalbachs Inszenierung von „A Midsummer Night’s Dream“ am Opernhaus in Genf geht endlich der Knoten auf. Einen ganzen Abend befanden wir uns im Wald, hier unverkennbar ein liegender Frauentorso aus elastischem Material, auf dem man turnen, hüpfen und sich wälzen konnte – mit lebenden Bäumen in wechselnden Formationen, die immer wieder mitspielten! Doch jetzt klappt aus dem Unterboden effektvoll eine bühnenbreite goldene Wand hoch mit Podesten, auf denen die Handwerker ihr Stück „Pyramus und Tisbe“ aufführen. Die vier jungen Leute, denen gerade in einem bösen erotischen Verwirrspiel von Puck und Oberon übel mitgespielt wurde, nehmen in eleganten 1920er-Jahre-Kostümen nebst dem Herrscherpaar Hippolyta und Theseus Platz und amüsieren sich genauso wie das Publikum.
Denn Thalbach inszeniert dieses von Britten kongenial auskomponierte Stegreifspiel so rasend komisch und zugleich mit einem perfekten Komödien-Timing, dass es eine wahre Lust ist: Noch einmal gibt der großartige russische Bassbariton Alexey Tikhomirov, der auch in täuschend ähnlicher Eselsmaske eine gute Figur machte, wunderbar aufgedreht den eitlen Fatzke Zettel alias Pyramus, ist Stuart Patterson (Flute/Flaut) eine wunderbar verhuschte Tisbe, Jérémie Brocard (Snug/Schnock) mit auftoupierter bärtiger Mähne, die seine eigenen Haare sind, einen mehr tollpatschigen als furchterregenden Löwen, Michel de Souza (Starvelling/Schluck) einen herrlich hochnäsig affektierten Mond mit Stoff-Hund und Laterne, während Paul Whelan (Quince) wunderbar sonor steif den Organisator des Spiels verkörpert und Erlend Tvinnereim (Snout/Schnauz) die Mauer, die das Liebespaar Tisbe und Pyramus trennt, buchstäblich schultert.
Nun haben auch der junge amerikanische Bassbariton Brandon Cedel als ebenso imposanter wie in jeder Hinsicht attraktiver Theseus und Mezzo Dana Beth Miller als Hippolyta im eleganten, aufreizenden karminroten Plissee-Kleid ihren prächtigen Auftritt als schönes, sichtbar erotisch voneinander angezogenes Paar. Anders als in vielen Aufführungen der Shakespeare-Komödie können Oberon und Titania nicht mit den Darstellern von Theseus und Hippolyta besetzt werden, denn Britten hat sie raffinierterweise Countertenor und Koloratursopran anvertraut. Das ist mit den Knaben- bzw. Kinderstimmen der Elfen zu den ätherisch irisierenden, aber auch eisigen Klängen von Celesta ein wunderbarer Effekt; zumal mit Christopher Lowrey ein hervorragender Altus mit großartiger Bühnenpräsenz ein selbstverliebt blasiertes androgynes Wesen mit Glatze gibt, das sich am erotischen Verwirrspiel mit beiden jungen Paaren ergötzt, und Bernarda Bobro eine nicht minder strahlend in Stratosphären singende, sinnliche Elfenkönigin. Anna Thalbach spielt in der Inszenierung ihrer Mutter einen frech krächzenden Puck, der aussieht wie ein gerupfter Vogel. Und wenn er nicht virtuos durch die Luft schwebt, dann erleben wir am Boden ein trollähnlich über die Bühne purzelndes Wesen.
Ezio Toffolutti hat nicht nur die Bühne entworfen (umgeben von Sternen wie an der Decke des Grand Théâtre Genéve), sondern auch die opulenten, edlen, fein geschnittenen Kostüme, die das Feenreich ganz in der höfischen Mode der Shakespeare-Zeit zeigt, während die Liebespaare der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstammen: Shawn Mathey (Lysander) und Stephan Genz (Demetrius), die beide in Hermia (Stephanie Lauricella) verliebt sind, die wiederum Lysander liebt, sowie Mary Feminear (Helena), die in Demetrius verliebt ist, verlieren sich in akkurater englischer (Sommer-)Kleidung in der erotischen Höhle – oder auch Hölle – eines anthropomorph weiblichen Waldes. Doch es fällt Thalbach schwer, auf den schwierig bespielbaren Rundungen der Bühne eine prägnante Choreographie der wechselseitigen Anziehung und Abstoßung zu inszenieren. Umso prägnanter singen die beiden jungen Paare, von Steven Sloane am Pult des Orchestre de la Suisse Romande oft allzu sängerfreundlich begleitet. Denn Farbigkeit und Kontraste von Brittens großartiger, enorm bühnenwirksamer Partitur, die die verschiedenen Ebenen faszinierend voneinander absetzt, geraten so ins Hintertreffen. Dieser Eindruck lag vielleicht auch am Platz in der 5. Reihe Mitte des Parketts, und doch änderte sich die Schärfe des Klangbilds mit der großen Schlussszene plötzlich und mit einem Mal hatte auch der Orchesterklang Prägnanz, Lebendigkeit und Körper.
Weitere Aufführungen en suite bis 30. November 2015
http://www.geneveopera.ch/

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