Michael Korstick

Schumanns Zerrissenheit

Michael Korstick spielt Robert Schumanns Kreisleriana, Arabeske und Carnaval

"Zwei Seelen wohnen, ach in meiner Brust" – Goethes geflügeltes Wort aus Faustschem Munde scheint die Charkaterzüge des Komponisten Robert Schumann paradigmatisch einzufangen. Hat Schumann doch sein eigenes, für ihn problematisches Seelendiagramm gezeichnet anhand zweier Gestalten: dem feurigen Florestan und dem kontemplativen Eusebius.
Dass jeder Mensch unterschiedliche Charaktereigenschaften hat, wird jeder bestätigen. Doch für den Pianisten Michael Korstick ist die extrem konträre Natur von Florestan und Eusebius der Kristallisationspunkt, aus dem er seine Schumann-interpretation entspringen lässt. Mit der Kreisleriana und dem Carnaval hat Korstick zwei Flagschiffe von Schumann ausgewählt – Werke, die aus der pianistischen Hochleistungsphase des Komponisten zwischen 1834 und 1838 stammen: voll sprühender Energie und daneben lyrischer Zurückhaltung. Der skurrile Kapellmeister Kreisler, geistiges Kind E.T.A Hoffmanns, wird in den acht Einzelsätzen der Kreisleriana humorvoll charakterisiert.
Schumann widmete in großer Bewunderung diesen Zyklus Chopin, der aber wusste nichts mit diesem phantasievollen Klavierfeuerwerk anzufangen. Auch der Carnaval, in seinen 19 Einzelminiaturen noch programmatischer und offensichtlicher, wurde zum progressiven Konzertaussenseiter. Selbst die Pianistin Clara Wieck, die allmählich am Schumannschen Horizont auftauchte, machte sich erst als Ehefrau des Komponisten auf den steinigen Interpretationsweg. Heute sind weder die Kreisleriana noch der Carnaval aus dem Repertoire eines Pianisten wegzudenken.

Schumanns Florestan unter Korsticks Händen darf energisch dahinstürmen und Funken sprühen, Eusebius dagegen zeigt sich in dahin schwebenden Klangverwehungen, zeitlos seelig. Lässt man das schumannsche bipolare Interpretationsmodell beiseite, wird Korsticks Spiel noch interessanter. Die Kraft des nüchternen Kalküls durchdringt den technisch virtuosen Spieltrieb, dem Dahinrasen baut Korstick Leitplanken, um an manchen Stellen noch menr Drive zu entwickeln. Lockere Klanggebilde verdichtet der Pianist unmerklich und formt rhythmische Konturen, die ein selten gehörtes Eigenleben entfalten.
Michael Korsticks Kraftströme sind kernig-rasant, massiv und präzise. Zerfranst-Schwärmerisches im Poesiealbumton weiss Korstick klug zu vermeiden. Dabei scheint seine Pianissimo-Skala nach unten hin offen zu sein. Zärtliche Tontupfer, wie in der Arabseke zu hören,  kommen aus einer aufrichtigen Verinnerlichung, die sich nach paradiesischer Erfüllung sehnt – fast so, als würde der Pianist kraftvoll-schützend seine Hände über Schumanns Zerrissenheit legen.
Julia Schölzel
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