Messias Chor des BR

Konzertkritik:

Halleluja, was für ein Ensemble

Der BR-Chor, das B’Rock-Ensemble und ein sensationelles Solistenquartett präsentierten Händels "Messias" in München
Von Robert Jungwirth

(München, 29. November 2014) Man glaubt ihn ja eigentlich zu kennen „seinen“ „Messias“, eines der beliebtesten Chorwerke der gesamten Musikliteratur, wenn nicht gar das beliebteste und bekannteste. Doch das Oratorium ist nicht gerade kurz, und Händel hat darin sein ganzes kompositorisches Können eingebracht, inklusive seiner Erfahrung als Opernkomponist. Umso reizvoller, wenn die Qualität und Ausdrucksvielfalt seiner Musik in all ihren Facetten bei einer Aufführung zum Tragen kommt und nicht nur das sattsam Bekannte heruntergesungen und gefiedelt wird. So geschehen beim Konzert mit dem Chor des BR unter seinem Leiter Peter Dijkstra, dem phantastischen belgischen Alte-Musik-Ensemble B’Rock und vier Solisten, die jede ihrer Solopartien zu einem Ereignis machten – manchmal sogar jede Note ihrer Soli. Wenn Julia Doyle ihr Rezitativ „And suddenly there was with the angel..“ anstimmt, meint man tatsächlich einem Engel zu lauschen. Und natürlich auch in der darauffolgenden Arie ”Rejoice greatly”. Die Übereinstimmung ihres glockenreinen Soprans mit den Violinen des belgischen Ensembles ist schlicht perfekt, die Sicherheit in der Phrasierung, die perfekte Agogik, die spielerische Leichtigkeit ihrer Koloraturen beeindruckend.
Auch der eingesprungene Altus Lawrence Zazzo sorgte für neue Erkenntnisse. Dass man die Arie "He was despised and rejected" zu einem derart eindringlichen Klagegesang gestalten kann, in dem jeder komponierte Seufzer herzergreifend zum Ereignis wird – im Gesang wie im Orchester – das war schon beeindruckend. Und das alles in der nicht gerade sängerfreundlichen Akustik des Herkulessaals, der vor allem beim Halleluja und der Amen-Schlussfuge den Kirchenhall doch ein wenig vermissen ließ (der Pauken und Trompeten noch ein wenig eindrucksvoller zur Geltung gebracht hätte). Aber die Details dieser an Details so reichen Aufführung konnte man natürlich in diesem Rahmen umso besser wahrnehmen.
Dabei fiel jedoch auf, dass der Chor des BR bei aller Klangschönheit und Homogenität sowohl in den Stimmgruppen als auch im Gesamtklang in Sachen Artikulation, bzw. Deklamation nicht ganz auf der Höhe der Instrumentalisten und Solisten agierte. Hier hätte man sich ein wenig mehr Prägnanz und Akzentuierungen gewünscht. Schon der der Chorsatz "For unto us a child.." klang in seiner Freudigkeit ausbaufähig. Sehr schön leicht geriet aber zum Beispiel "His yoke ist easy..". Vielleicht hat sich da der Chor auch von der geradezu swingenden Leichtigkeit von Julia Doyle anstecken lassen… Eine Entdeckung war auch, wie der Operntenor Steve Davislim seine Soli gestaltete – eben nicht nasal evangelistenhaft, sondern mit dramatischem Impetus. Der Bassbariton Neal Davies folgte ihm da durchaus in gleicher Diktion, neigte aber im Gegensatz zu Davislim ein wenig zum Forcieren, was manchmal des Guten ein zu viel war.
Zum klanglichen Ereignis kam auch noch ein optisches. Um wieviel angenehmer erscheint das Herkulessaal-Mausoleum, wenn man mit ein paar Scheinwerfern wohldosiert buntes Licht zum weißen hinzumischt! Das war ein entschiedener Gewinn. Man würde sich das durchaus öfter wünschen – denn das Auge hört schließlich mit.

Weitere Opern- und Konzertkritiken auf KlassikInfo >

0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.