Merope von Riccardo Broschi bei den Innsbrucker Festwochen

Königsmord und Eberwurst

Die Innsbrucker Festwochen der Alten Musik zeigen Riccardo Broschis Oper „Merope“ – ein Werk, das nicht so weit von Händel entfernt ist

Von Robert Jungwirth

(Innsbruck, 7. August 2019) Vermutlich würde man den Komponisten Riccardo Broschi heute ganz vergessen haben, hätte er nicht diesen berühmten Bruder gehabt. Carlo Broschi, genannt Farinelli, war der höchstbezahlte Kastratensänger seiner Zeit und sozusagen die uneingeschränkte Lichtgestalt unter den Sängern des Barock. Auf dem Höhepunkt seiner Karriere holte ihn der spanische König an seinen Hof, damit er diesen mit seiner Sangeskunst allabendlich aus dessen Schwermut reißt. Der Gesang des Kastraten war so gut wie das Einzige, was die düstere Stimmung des Monarchen vertreiben konnte. Seinen Bruder Riccardo hat Carlo Broschi dann ebenfalls an den spanischen Hof nachgeholt und ihm einen Posten als Kommissär für Krieg und Marine (!) verschafft, nachdem Riccardo der große Durchbruch als Komponist versagt geblieben war und er ein eher kärgliches Dasein fristen mußte, was aber durchaus nicht mit seinem vermeintlich unzureichenden Talent zu tun hatte, sondern einfach nur mit ungünstigen Umständen, vulgo mangelndem Glück.

Auch bei den Innsbrucker Festwochen der Alten Musik, die sich seit jeher für die Wiederentdeckung vergessener Werke einsetzen, war es ein Sänger, der sich für Riccardo Broschi stark gemacht hatte und damit den Anstoß gab, dass beim diesjährigen Festival seine Oper „Merope“ dreimal auf der Bühne des Landestheater zu sehen ist. Der australische Counter David Hansen, der schon mehrfach Arien von Riccardo Broschi gesungen hat, hat den Festivalleiter Alessandro de Marchi dazu angeregt, eine Oper von Broschi ins Programm zu nehmen. Nach gemeinsamer Suche einigte man sich auf die 1732 in Turin uraufgeführte „Merope“, ein dramma per musica in drei Akten, das die gewaltsame Aneignung des Königsthrons von Messenien in Griechenland durch den Unhold Polifonte und dessen Königsmord sowie die letztendliche Verurteilung Polifontes nebst der Inthronisation des rechtmäßigen Königs-Erben Epitide zum Thema hat. Epitide ist der Sohn der Königin-Witwe Merope, der tot geglaubt wird, der aber nach Jahren des Verschollenseins unerkannt an den Königshof zurückkehrt, um den Mord an seinem Vater zu rächen. Derweil schickt sich Polifonte gerade an, Merope nach einer ihr gewährten Frist von 10 Jahren zu heiraten und damit die Königskrone endgültig an sich zu reißen.

Was nicht unspannend klingt, braucht in der Umsetzung durch den Librettisten Apostolo Zeno aber leider sehr lange, bis das Geschehen dramaturgisch an Fahrt gewinnt. Im Grunde ist erst der dritte Akt mit seinem Showdown wirklich dramatisch. Bis dahin sind aber schon etwa zweieinhalb Stunden vergangen. In denen existiert folglich einiges an Leerlauf und Redundanz, die auch von Broschis origineller, virtuoser und anspruchsvolle Musik nicht kaschiert werden kann.

Broschi entstammt der Neapolitanischen Schule und war mit allen kompositorischen und musikdramatischen Wassern seiner Zeit gewaschen. Dabei ist seine Musik bemerkenswert wenig auf Effekt getrimmt als vielmehr auf Wahrheit und Tiefe des Ausdrucks – gleichwohl natürlich mit jeder Menge Koloraturenvirtuosität. Vor allem hat er seinem Bruder Farinelli die Partie des Epitide auf den chirurgisch manipulierten Leib geschrieben.
Natürlich singt in Innsbruck David Hansen diese Partie selbst, die tatsächlich zum schwierigsten gehören dürfte, was für hohe Männerstimme je geschrieben wurde. Abenteuerliche Läufe und Sprünge, rhythmische Vertracktheiten, aber auch langanhaltende Bögen, die einen enormen Atem erfordern, sowie ein riesiger Tonumfang. All das wirkt wie gesagt weniger zirzensich als musikalisch empfunden. Und David Hansen begeistert das Innsbrucker Publikum mit einer technischen und stimmlichen Meisterleistung in dieser wahrhaft halsbrecherischen Partie. Aber auch die beiden anderen Countertenöre Filippo Mineccia und Hagen Matzeit beeindrucken mit technisch makellosem Stimmklang und musikdramatischem Impetus. Ergänzt wird das durchweg herausragende Sängerensemble durch Vivica Genaux, Anna Bonitatibus in der Titelrolle und die ganz wunderbar anrührende Arianna Vendittelli als Braut Epitides. Für den erkrankten Carlo Allemano übernahm Daniele Berardi mit bewundernswertem Einsatz die Partie des Polifonte aus dem Graben.

Alessandro de Marchi am Pult des neu gegründeten Festwochenorchesters lässt die Vielgestaltigkeit der Partitur, die mitunter Händel durchaus nahe kommt, farben- und formenreich hörbar werden, wenngleich ein wenig mehr Akzentuierungen und Zuspitzungen vorstellbar wären. (Ist ein Grund dafür, dass die vorderen Streicher mit dem Rücken zum Publikum sitzen? Eine seltsame Novität, die der Akustik im Theater sicher keinen guten Dienst erweist.)

De Marchi betätigt sich bei der Aufführung dieser unbekannten Oper als eine Art Musik-Archäologe, der jedes Fundstück stolz präsentieren will und deshalb keine Note streicht. Dem etwas länglichen Werk hätten allerdings eine paar beherzte Striche durchaus gut getan – wie ja auch ein Archäologe nicht jeden Splitter, den er aus der Erde buddelt, ins Museum stellt… Stattdessen verlängert De Marchi die Dauer der Oper sogar noch zusätzlich dadurch, dass er jeden Akt mit einer hinzukonstruierten Balletteinlage schließen lässt, weil es zu Broschis Zeiten in der Oper dem Vernehmen nach Tanzeinlagen gab. Dafür hat De Marchi eigens französische und italienische Musik gesucht, ohne sich um den Stilbruch und die allzu sehr in die Länge gezogene Aufführung zu kümmern. Nach dem zweiten Akt gab es eine Tanzeinlage, in der gezeigt wurde, wie aus einem Eber, der in der Oper eine gewisse Rolle spielt, Wurst gemacht wird. Die ursprünglich angekündigte Spielzeit von viereinhalb Stunden für die Aufführung überschreitet De Marchi mit diesen viel zu lang geratenen Einlagen spielend um eine Stunde. Fünfeinhalb Stunden aber sind für diese Oper definitiv zu lang!

Was sich im Orchestergraben seit geraumer Zeit für die Barockmusik etabliert hat, die sogenannte historische Aufführungspraxis, versucht man in Innsbruck in dieser Produktion auch auf der Bühne. Sigrid T’Hooft (Regie und Choreographie) und Stepan Dietrich (Ausstattung) verlegen die antike Handlung in eine der Barockbühne angenäherte Szenerie mit gemalten Architekturprospekten prächtiger Palazzi und Kathedralen und aufgebauschten Reifrockkostümen. Auch die Beleuchtung ist nach altem Muster indirekt und gedämpft. Von oben hängen vier Kerzenleuchter über dem Bühnenportal, in denen elektrische Birnen kerzenscheinähnlich vor sich hin wackeln. Auch das Gesten- und Mimikrepertoire greift auf Barockes zurück, ohne darin aber besonders authentisch zu wirken. Da ist unser zeitgenössisches Theater vermutlich eher noch am Anfang mit der Rekonstruktion originaler alter Bewegungssprachen. Und es kann und darf natürlich keine Verpflichtung sein oder werden, Barockoper plötzlich barock zu inszenieren – im Gegenteil, es braucht nach wie vor vor allem die zeitgenössische Sichtweise. Aber Rekonstruktionen früherer Stile können durchaus einmal von Reiz sein.

„Merope“ ist in Innsbruck noch am 9. Und 11.8. zu sehen. Im Herbst gibt es eine konzertante Aufführung am Theater an der Wien in Wien. Schön übrigens, dass Österreichs neue Kanzlerin erstmals die Festwochen eröffnet hat und die Bedeutung der Kunst auch als Spiegel der Politik herausgestellt.

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