Merlin

Gutes wollen reicht nicht

Kreuzzug auf der Autobahn Foto: Thilo Beu

In Gelsenkirchen erlebte Isaac Albéniz‘ Oper "Merlin" jetzt ihre späte deutsche Erstaufführung

(Gelsenkirchen, 8. Oktober 2011) Erst ein Jahrhundert nach ihrer Entstehung erblickte die Oper "Merlin" von Isaac Albéniz das Licht der Bühnenwelt, ein Unikum der Musikgeschichte. Die Titelfigur ist Zauberer, Magier und – so hat es die Sagengeschichte schließlich festgelegt – Erzieher von König Arthur, welcher seine Ritter von der Tafelrunde zu edler Weltlenkung anhält. Dieser ist verheiratet mit Ginevra (eine von diversen Namensvarianten), welche in unheilvoller Liebe zu Lancelot entbrennt. Tod und Verzeihung bilden zumindest in der ebenfalls selten gespielten Oper "Roi Arthus" von Ernest Chausson, die fast zeitidentisch entstand, das Finale. Albéniz plante eigene Porträts innerhalb einer dann nicht zustande gekommenen Opern-Trilogie. Doch auch "Merlin" geriet nicht zur Gänze; die Partitur wurde von José de Eusebio nachträglich in Fasson gebracht und war Grundlage der konzertanten Uraufführung von 1998 in Madrid (u.a. mit Plácido Domingo), der wenig später auch an einer CD-Aufnahme des Werkes mitwirkte.

Dies wiederum führte zur szenischen Premiere 2003 im Teatro Real (zwei obskure Produktionen zuvor sind nicht wirklich zu rechnen). Die Inszenierung von John Dew, der in seinen Dortmunder Intendantenjahren schon die Chausson-Oper auf die Bühne brachte, ist auf DVD zu begutachten. Am Musiktheater im Revier ist nun die Deutsche Erstaufführung zu sehen, welche – nachhaltig bejubelt – dem eindrucksvollen Werk endlich einen Weg ins Repertoire ebnen sollte.

"Merlin" ist stofflich, aber auch musikalisch Richard Wagner stark verpflichtet. Bereits der Librettist Francis Burdett Money Coutts dachte an ein Pendant zum "Ring des Nibelungen", was den Wagner-Verehrer Albéniz animierte. Das Flair seiner Musik ist freilich eher französisch, der englische Text hingegen einem langen Aufenthalt in Großbritannien geschuldet. Wie immer man diese Mixtur zu klassifizieren und zu werten gewillt ist: Die Musiksprache von Albéniz (am bekanntesten sind wohl seine wiederum spanisch geprägten "Iberia"-Stücke) ist ungemein klangreich, tonmalerisch raffiniert, stark in der theatralischen Prägung. In Gelsenkirchen wird das vom "Hausorchester" Neue Deutsche Philharmonie unter Heiko Mathias Förster außerordentlich suggestiv zur Wirkung gebracht.
Dem Fantasy-Realismus von Film und Fernsehen bei mythologisch gefärbten Stoffen ("Herr der Ringe" etc) weicht Regisseur Roland Schwab aus. Historisches bleibt in den Kostümen von Renée Listerdal durchaus präsent, auch die Bühne Frank Fellmanns schafft ziemlich klare Ortsbeschreibungen, incl. des etwas kitschig "unter blüh’nden Mandelbäumen" stattfindenden 3. Aktes. Allein eine hügelig nach vorne führende Autobahn liefert Ausblicke ins Heute, die Schwab mit pränazistischen Akzenten anreichert.
Die Ambivalenz von Gut und Böse wirkt in "Merlin" ziemlich ernüchternd. Der Titelheld versklavt sich Nivian, wird aber von ihr später umgebracht (fulminant: Petra Schmidt), die intrigante Zauberin Morgan (mit Dämonie: Majken Bjerno) und ihr Sohn Mordred (wie immer eindrucksvoll: Piotr Prochera) sinnen skrupellos auf Herrschaft. Arthus verliert sich in Liebessehnsüchten und wird als Herrscher untauglich. Dass er einst das Schwert Excalibur gewann (man denkt an Wagners Siegmund), ist Schnee von gestern. Gutes wurde gewollt, das Böse aber obsiegte. Schwabs hinsichtlich Personenregie (Chor!) überaus souveräne Inszenierung arbeitet die emotional changierende, moralisch unstete Natur des Menschen sinnfällig und bildmächtig heraus. Weder die ursprüngliche Lichtgestalt Arthur (Lars-Oliver Rühl mit insgesamt strahlendem Tenor) noch der Zauberer Merlin in seiner zwiespältigen Mischung aus Gurnemanz und Klingsor (Björn Waag mit großem baritonalem Elan) vermögen es, die Welt, im engeren Sinne die Ichfindung des britischen Königreiches, zu sichern. Ein interessanter Stoff, eine beeindruckende Musik, eine geglückte Aufführung.

Christoph Zimmermann

0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.