Meistersinger von Nürnberg

Vom Merker zum Berserker

Eröffnung der Bayreuther Festspiele: Katharina Wagner deutet die "Meistersinger" fantasievoll als Parabel über den Kunstbetrieb
von Klaus Kalchschmid
(Bayreuth 25. Juli) Endlich wurde das einmal inszeniert: Ritter Walther von Stolzings "selige Morgentraum-Deutweise" als Spießerlied eines Angepassten, dem auf der Festwiese ein kitschiger grüner Rahmen und ein stumm agierendes Renaissance-Paar die nötige fade Optik verleihen. Im grellen Kontrast dazu die Performance Beckmessers, der in der Johannisnacht vom Merker zum Avantgardekünstler mutiert ist. Was des einen Karrieretraum von "Parnass und Paradies" war, wird beim anderen zur Fruchtbarmachung eines Alptraums von der Vertreibung aus dem Paradies: Zu Beckmessers expressionistisch-dadaistischer Deutung von Walthers Text birst da ein mit bunten Luftballons geschmücktes Leiterwägelchen und eine Ladung Äpfel kullert über die Bühne. Dem Gefährt entsteigt ein nackter Adam samt aufblasbarer Sexpuppe, die schließlich vom enthemmten, mit Plastikschwanz bestückten Beckmesser zerfetzt wird. Coming Out eines Menschen, der sich zum ersten Mal in seinem Leben vor aller Augen etwas traut und erst davonläuft, wenn beim mahnenden Bekenntnis des Hans Sachs zur "Deutschen Kunst" zwei düster angestrahlte Arno Breker-Statuen an den Meistersinger-Missbrauch der Nationalsozialisten bei den Bayreuther "Kriegsfestspielen" anno 1943 erinnern.
Das Buhgewitter nach diesem Ende war erstaunlich milde, was wohl auch daran lag, dass Katharina Wagner zwar häufig übers Regie-Ziel, den "Meistersingern" eine Entschlackungskur zu verpassen, hinausschoss, ihr fantasievoller, mit viel Ironie und Witz auch die Bayreuther Aufführungsgeschichte des Werks streifender Blick aber doch zu einem spannenden Theaterabend führte. Der begann schon ungewöhnlich, denn statt ins Innere der Nürnberger Katharinen-Kirche blicken wir in den Innenhof einer mehrstöckigen Kunstakademie (Bühne: Tilo Steffens). Gipsbüsten allüberall – die später zur Johannisnacht-Prügelei zu tanzen beginnen – und zahlreiche Künstlerateliers, die in diesen Raum hineinragen. Stolzing entsteigt einem Flügel und flirtet mit Eva vom dritten Stock ins Parterre, die Kirchengemeinde aber singt aus dem Off. Das Gros der Lehrbuben geriert sich steif und rituell wie Ministranten, während es den Saal für die Sitzung der Meister möbliert. Statt nur zu singen, präsentiert Stolzing – zur Empörung der Meister – seine Bewerbungsmappe mit allerlei weiblichen Rundungen. Das eigentliche Probesingen aber besteht im buchstäblichen Puzzeln einer Ansicht Nürnbergs aus der Schedelschen Weltchronik, die fortan in jedem Akt präsent ist. Beckmesser macht seine Sache natürlich richtig, während Stolzing das Ganze auf den Kopf stellt und auch noch anfängt mit Farbe um sich zu spritzen.
Nicht ganz so schlüssig geriet der Wagner-Urenkelin der zweite Akt. Und das keineswegs, weil sie sich unbekümmert über den Text hinwegsetzt und etwa Sachs zum Ständchen Beckmessers statt Schuhe zu klopfen in seine Schreibmaschine hämmern lässt, während es derweilen weiße Turnschuhe vom Himmel tröpfelt, sondern weil sie den theatralischen Situationen nicht traut und eine denkbar uninspirierte Prügelfuge inszeniert.
Auch im dritten Akt ist Hans Sachs noch immer barfuss und im schwarzen Schlabberlook des Bohemìen. Doch nun sitzt er an einem portalfüllenden Fensterrahmen, hinter dem sich die Alten Meister der Musik als große Pappmaché-Masken in den Künstlerateliers eingenistet haben. Kein Wunder, dass der Aufzug dieser Meister bei Katharina Wagner zu einer Farce halbnackter Statisten gerät. Beim "Wacht auf!"-Chor wird ein Regie-Team verbrannt(!) und aus den Flammen ein goldenes TV-Bambi (mit Hirschgeweih) gezogen, das Stolzing am Ende als Trophäe ablehnt. Hier vergaloppiert sich die Regisseurin etwas in ihrem Konzept, verschenkt sie zudem den grandiosen Beginn der Festwiese. Dabei ist sie später so genau in ihrer Deutung dieses Bildes, nicht zuletzt, wenn die Tribüne mit den Zuhörern aus dem Unterboden hochfährt und eine Ordnung hergestellt wird wie schon im Amphitheater-Rund der Wielandschen "Meistersinger". Statt einer Festgesellschaft in gleißendem weiß-gelb offenbart sich hier eine Trauergemeinde in düsterem rot-schwarz (Kostüme: Michaela Barth).
Neben dem wie immer exzellenten Festspielchor hat die Aufführung zwei überragende Protagonisten: Klaus Florian Vogt als draufgängerischer, eitler Möchtegern-Künstler Stolzing im legeren Designeranzug samt langen Haaren, die nur eine Sonnenbrille festhält, und Michael Volle als großartiger Gegenspieler Beckmesser. Beide tauschen im Verlauf des Stücks die Rollen von Revoluzzer und Traditionalist. Hier der strahlende Tenor mit einer Leuchtkraft und einem edlen, jungheldischen Timbre, wie man es lange nicht mehr gehört hat, dort der cholerische Mann, der seine Triebe nicht zu kanalisieren vermag. Volle spielt und singt das wunderbar differenziert aus und macht sein Ständchen im zweiten Akt zu einem Parade-Auftritt. Exzellent besetzt auch Norbert Ernst als kerniger David und Markus Eiche als die Meister dominierender Fritz Kothner – jeder Zoll ein eitler Widerling mit furchteinflössender Stimme! Dagegen verblasst nicht nur der Veit Pogner von Artur Korn. Denn Amanda Grace fehlt für die Eva doch einiges an Stimmsubstanz und Strahlkraft, obwohl sie das heikle Quintett mit Anstand meistert. Die wüsten Buhrufe hat sie aber ebenso wenig verdient wie Franz Hawlata, der stimmlich zwar (noch) kein Sachs ist und mit seiner Ansprache am Ende arg in Bedrängnis gerät. Darstellerisch und in der musikalischen Gestaltung entwirft er jedoch das überzeugende Porträt eines Intellektuellen, der seine eigenen Prinzipien verrät.
Sebastian Weigle dirigiert wohltuend unaufgeregte "Meistersinger", läßt auch in den Tempi viel Raum zur Entfaltung der Musik. Ein Klangzauberer wie Christian Thielmann in der vorangegangenen Produktion ist er freilich nicht, eher der solide Handwerker, dem man manchmal dem ungestümen Mut der jungen Regisseurin wünschen würde.

Kunst und Revolution Foto: Bayreuther Festspiele / Jochen Quast

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