Mefistofele

Opernkritik: Mefistofele

Abgründige Schuhe

Rene Pape als Mephisto Foto: Anne Kirchbach

Roland Schwab findet für Arrigo Boitos Oper „Mefistofele“ in seiner Münchner Inszenierung keine stimmigen Bilder
Von Christian Gohlke
(München, 29. Oktober 2015) „Mozart hätte den „Faust“ komponieren müssen“, sagte Goethe zu Eckermann, als der von seiner Hoffnung sprach, dass es zu des Meisters opus magnum eines Tages doch „eine passende Musik“ geben werde. Goethe selbst war skeptisch. Das „Abstoßende, Widerwärtige, Furchtbare, was sie stellenweise enthalten müßte“, sei seiner Zeit zuwider. Mozart ist zu früh gestorben, um Goethes „Faust“ zu vertonen, und Meyerbeer, dem der Dichter diese Aufgabe allenfalls noch zugetraut hätte, hat sich nie damit befasst. Aber viele andere Komponisten konnten der Versuchung nicht widerstehen. Einer davon war Arrigo Boito. Man kennt ihn vor allem als denjenigen, der die Libretti für Verdis „Otello“ und „Fastaff“ geschrieben hat. Von seinen gar nicht wenigen eigenen Opern hat sich – wenn auch mehr schlecht als recht – nur „Mefistofele“ auf den Spielplänen halten können. In München gab es noch nie eine szenische Produktion des 1868 an der Scala uraufgeführten Werks. Jetzt wurde die neue Spielzeit damit eröffnet, wohl vor allem, weil die Oper so schön zum Motto der Saison passt: „Vermessen“.
Roland Schwab, dem die Neuinszenierung anvertraut war, scheint sich bei seiner Arbeit an einer Maxime orientiert zu haben, die Goethe im „Vorspiel auf dem Theater“ dem geschäftstüchtigen Theaterdirektor in den Mund legt: „Besonders aber laßt genug geschehn! / Man kommt zu schaun, man will am liebsten sehn.“ Doch die Bilderflut, die zweieinhalb Stunden lang die Bühne des Nationaltheaters füllt, unterhält oder überwältigt den Zuschauer höchstens zu Beginn. Rasch beginnt öde zu werden, was Schwab sich hat einfallen lassen: Die Bilder sind sich allzu ähnlich. Der Regisseur findet nämlich für die schönen, idyllischen Momente der Handlung überhaupt keinen Ausdruck. Das beginnt beim Vorspiel im Himmel (der Preis der Engel hat szenisch keinerlei Entsprechung), setzt sich fort bei der großen Garten-Szene im 2. Akt, deren Ausstattung sich kaum von derjenigen der Walpurgisnacht unterscheidet, und gipfelt schließlich im Helena-Akt, den der Bühnenbildner Piero Vinciguerra ins Altenheim verlegt, wo demenzkranke Greise sich Bälle zuwerfen, mühsam aus Schnabeltassen trinken oder tappige Schritte am Rolator versuchen.
Der Abend bleibt, da Schwab jede Schönheit mit trauriger Konsequenz verweigert, ohne Kontraste und ermüdet den Zuschauer. Mefistofeles Gefolge ist nichts als die Ansammlung alberner Klischees: Frauen und Männer in Lack und Leder räkeln sich lasziv, Peitschen werden geschwungen, Beine gespreizt, Lippen geleckt, und hie und da wird auch ein bisschen kopuliert. Versteht sich, dass Mefistofele wie ein schmieriger Zuhälter daherkommt und zu einem auberginefarbenen Anzug schwarze Lederhandschuhe trägt. Die Sonnenbrille fehlt so wenig wie das rötlich glänzende halbhohe Lacklederschuhwerk. Überhaupt bleibt die exzentrische Schuhmode, zu der die Höllenbewohner offenbar eine Vorliebe unterhalten, in dieser Inszenierung der auffälligste Ausweis satanischer Abgründigkeit. Grauenerregend ist an diesen  Bewohnern der Unterwelt einzig die provinzielle Unbeholfenheit, mit der sie auf die Bühne gebracht werden.
Schlimm, dass auch die Protagonisten blass und uninteressant bleiben. Personenführung gibt es kaum. Joseph Calleja, der den Faust singt, wirkt, als sei er ganz kurzfristig für einen erkrankten Kollegen eingesprungen. Er agiert wie ein am Geschehen weitgehend unbeteiligter Star, der sich damit begnügt, schön zu singen. Das tut er (abgesehen vom „Epilog“, in dem seine Stimme müde, manchmal sogar brüchig klang) freilich mit seiner leicht ansprechenden Stimme, die ihm feine dynamische Schattierungen erlaubt. Strahlendes Forte steht ihm ebenso zur Verfügung wie tragende Piani. Ein glaubhaftes Rollenportrait kann er aber nicht bieten. Das gelingt auch René Pape nicht so recht. Zwar gibt er mit seiner kräftigen Stimme einen verlässlichen, auch klangschönen Mefistofele. Aber in dieser Partie wäre ein Bass mit dunklerem, schwärzerem Timbre eigentlich doch besser geeignet. Kristine Opolais ist mit ihrem vibratoreichen, nicht allzu wandlungsfähigen Sopran als Margherita leider auch nicht ideal besetzt. Im großen Auftritt zu Beginn des 3. Aktes („L’altra notte in fondo al mare“) glaubt man eher Lady Macbeth in der Nachtwandler-Szene zu hören als ein junges, verzweifeltes Mädchen. Hier hätte man sich einen lyrischeren, weicheren Sopran gewünscht.
Omer Meir Wellber, der den Abend mit großen, malerischen Gesten leitete, machte es den Sängern nicht leicht, sich gegen die Macht des starken Orchesters zu behaupten. So beeindruckend ihm große symphonische Passagen gelingen, so herrlich das Staatsorchester unter seinem Dirigat aufzublühen vermag, so differenziert und farbenprächtig er immer wieder Einzelheiten herausarbeitet, so wenig gelingt es ihm, seine Mittel sorgfältig und klug zu dosieren.
Dass ein am Ende recht erschöpft wirkendes Publikum dann sehr rasch zur Garderobe drängte, liegt aber nicht nur an dieser im Ganzen doch unglücklichen Produktion. Es liegt schon auch an Arrigo Boitos Oper. Dass sie in München fast 150 Jahre lang nicht gespielt wurde, ist ja vielleicht nicht nur der Ausweis bayerischer Ignoranz. Goethes „Faust“ zu komponieren, ohne Mozart zu sein, ist halt nicht leicht.

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