Meeses Mondparsifal landet in Wien

Foto: Jan Bauer

Parzefool und der Stoffbärenvergewaltiger

Parsifal, Parzefool oder so, vom Mond aus betrachtet – mit Barbarella und vielen anderen Überraschungsgästen. Uraufführung von Jonathan Meeses „Mondparsifal“ am Theater an der Wien.

Von Derek Weber

(Wien, 4. Juni 2017) Kunst polarisiert eben, könnte man der Einfachheit halber sagen. Oder sollte man besser posten: Meese macht ratlos, samt seinem Noten-Dekonstrukteur, dem Komponisten Bernhard Lang. Kurzweilig war die Premiere von Meeses „Mondfarsifal“ nicht wirklich, auch wenn es zwischendurch unterhaltsame Momente gab. Am Schluss aber wurde gejohlt wie bei einem Real-Madrid-Tor. Gab es Grund dazu? Kommt drauf an, wo man steht, würde Radio Eriwan sagen. Aber die Station sendet schon lange nicht mehr.
Wäre wohl auch ein langer Sendeweg: Zum Mond und wieder retour. So hat Meese seine zusammen mit Lang gezimmerte Version des Wagnerschen „Parsifal“ genannt, die im Oktober dieses Jahres auch in Berlin so oder vielleicht auch anders gezeigt werden wird. Die Uraufführung fand jedenfalls am Pfingstsonntag im Theater an der Wien statt mit Langs musikalischer Übermalung statt Wagnerklängen. Das war auch gut und richtig so.

Da mag man zu Meese und Lang stehen, wie man will: Die Streckung der Arbeit war mit vier Übermalstunden teuer erkauft: mit musikalischen Dehnübungen und übermäßig vielen Textrepetitionen, die einen Teil der Textkürzungen des Originals wieder wettmachen. Dafür hat man den Text dann intus. Aber Hand aufs Herz : Wer von uns weiß schon, wo der „Mondparsifal“ haust, noch dazu, wenn er mit „Alpha 1-8“ bestückt und von der „Erzmutterz der Abwehrz“ begleitet ist. (In Berlin wird statt Alpha- eine „Beta 9-23“- Ladung dabei sein. Da kann also noch geändert werden.)

Irgendwie hat der „Mondpasifal“ einiges mit Persönlichkeiten wie Barbarella, Zadoz und James Bond zu tun, könnte man seriös fortfahrend meinen. Doch halt, was tut der Stoffhund gleich zu Beginn auf der Bühne, der von rechts nach links schnüffelt, gleich wieder verschwindet und, erst im 3. Akt wieder auftaucht, aber nur, um durch die Gegend geschleudert zu werden. Dazwischen hat sich nicht viel, aber doch Wesentliches ereignet: Herr Klingsor (vulgo Clingsore) nämlich entpuppt sich als Stoffbärenvergewaltiger. Der Herr war einem schon bei Wagner verdächtig. Das hatte Meese ja versprochen: Zuspitzung der Charaktere und der Handlung. Drum wohl auch die kleinen Hopsi-Japanerinnen.

Die Grundierung: Eine Art von musikalischer Übermalung, die vier Stunden lang mit vielen Wiederholungszeichen und Ritartandi ausgestattet an der Wagnerschen Originalmusik entlangschrammt. Der Klang ist irgendwie ausgedünnt, im 2. Akt, wie man es erwarten durfte, fetziger, umtriebiger und saxonfonlastiger, ein wenig an den Jazzklang der fünfziger Jahre erinnernd.
Und der Gral? Er kommt nicht. Man wartet auf ihn – doch vergebens. An Stelle des Grals kommen – groß und lange in Fritz Langs Zwischenkriegszeit-Outlook projiziert – Siegfried (samt Speer im Rücken), der böse Mords-Hagen und seine Mannen, dem Sänger Volker und Kriemhild auf die Bühne. Das Dach brennt, wie es sich gehört, davor hopsen in Echtzeit die Japanerinnen oder Chinesinnen. Eine knorke Fête beginnt, die Fans hopsen mit. Das war`s dann. Von wegen Gral. Nicht einmal Grail-Way.
Hat sich das Ganze für den Zuschauer gelohnt? Die Sänger waren in guter Form, allen voran Wolfgang Bankl als unangestrengter Gurnemanz, Tómas Tómasson als Amfortas und der bewährte Bösnigel Martin Winkler als Klingsor. Der Countertenor Daniel Gloger bewährte sich als fescher, zeitweise vergoldeter Parsifal/Parzefool. Ihm zur Seite schraubte Magdalena Anna Hofmann ihre Kundry- Stimme in steile Höhen.

Und Barbarella war auch auf der Bühne zu sehen. Darunter werkten die Musiker des Klangforum Wien unter der Leitung Simone Youngs eifrig gegen die Erinnerung an den ebenmäßigen Wagner-Orchesterklang an, der natürlich – mit welchen dekonstrukiven Mitteln auch immer – nicht aus dem Ohr zu kriegen ist.

Ja – Dahindekonstruiert wird heiter, musikalisch wie szenisch. Zu welchem Ende, wird nicht ganz klar. Eine „Parsifal“-Parodie haben wir nicht gesehen und gehört, dafür aber auch kein Gegenmodell zum Original, aber immerhin ein keckes Bühnenbild. Manche Szenen sind in ihrer Überzeichnung gelungen, andere ziehen sich. Das gilt auch für die Musik, die an Wagner entlangschrammt, in manchen Passagen gekonnter als in anderen. Auf Dauer stellt sich aber Ermüdung ein, und die spitze Untermalung Klingsors mit Saxophonen ist – gelinde gesagt – keine besonders überwältigende Idee, besonders, wenn man nicht weiß, wo das ein Ende haben muss. Und irgendwie wird man den Eindruck nicht los, dass das gewiefteste Dekonstruktions-Pulver bald nach dem Ende des 1. Aktes verschossen ist. Wagner ist eben doch eine ziemlich starke Vorgabe.

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