Médée“ von Cherubini bei den Salzburger Festspielen

Die Frau an der Tankstelle

Simon Stone und Thomas Hengelbrock enttäuschen in Salzburg mit einer modernistischen „Médée“ von Cherubini

Von Christian Gohlke

(Salzburg, 30. Juni 2019) Brahms hat ihn bewundert und Beethoven ihn verehrt. Gleichwohl ist Luigi Cherubini, 1760 in Florenz geboren, 1842 in Paris gestorben, heute so gut wie vergessen. Nur eine seiner vielen Opern wird gelegentlich noch gespielt, nämlich die 1797 im Théâtre Feydeau in Paris uraufgeführte „Médée“ zu einem Libretto von François-Benoît Hoffman. Dass auch sie im gängigen Opernrepertoire keinen festen Platz gefunden hat, liegt nicht zuletzt an der Gattung, der sie angehört. Die sogenannte „opera comique“ enthält – darin am ehesten dem deutschen Singspiel vergleichbar – zum Teil umfangreiche gesprochene Dialogpassagen, im Falle der „Médée“ anspruchsvoll gestaltete Alexandriner. Diese Mischform aus Oper und Schauspiel auf die Bühne zu bringen, ist nicht einfach. So kommt es, dass es in der fast einhundertjährigen Geschichte der Salzburger Festspiele zwar schon einmal eine konzertante Aufführung der Oper gab (das war im Jahr 2000 mit der damals phänomenalen Angela Denoke in der Titelrolle), szenisch wurde „Médée“ in Salzburg aber noch nie aufgeführt. Jetzt hat Simon Stone das Stück fürs Große Festspielhaus inszeniert. Doch leider enttäuscht der Abend szenisch wie musikalisch.

Stone will nach eigenem Bekunden eine „sehr heutige“ Medea zeigen, weshalb er die Handlung ohne viel Federlesens in unsere Gegenwart verlegt. Die Dialoge sind ausnahmslos gestrichen, manchmal werden sie durch Textnachrichten ersetzt, die Medea auf Jasons Anrufbeantworter spricht (Medea wurde von ihrem früheren Mann Jason verstoßen, der nun Dircé heiratet). Der Bühnenbildner Bob Cousins hat mit enormer Detailtreue Räume gebaut, die in jeder größeren Stadt denkbar wären. So finden wir Dircé (kraftvoll, aber etwas eindimensional: Rosa Feola) mit ihren Freundinnen im schicken Brautmodengeschäft zur Vorbereitung ihrer Hochzeit mit Jason. Später versammelt sich die Festgemeinde in der Lobby eines noblen Hotels (wieder einmal!), in dem die Frischvermählten offenbar ein Apartment mit Küchenzeile und Flachbildschirm bewohnen. An runden, üppig gedeckten Tischen wird schließlich die Hochzeit gefeiert. Indes ist die Titelfigur, wie per Sprachnachricht zuvor schon angekündigt, am Flughafen angekommen (International Airport), wo ein Kamerateam sogleich ihre Auseinandersetzung mit dem Landesherrn Créon (mit solidem Bass: Vitalij Kowaljow) festhält, so dass Dircé in den News vor ihrem Flachbildschirm davon erfährt und allen Grund hat, sich vor diesem Neuankömmling zu ängstigen. Es kommt, wie es kommen muss: Médée und ihre Begleiterin Néris (Alisa Kolosova) stehlen sich auf die Weddingparty und machen großen Skandal. Médée ersticht die Braut, schnappt sich die Kinder und braust mit einem flotten Gebrauchtwagen davon. Doch an einer öden Tankstelle endet die Flucht. Médée tötet nach einigem Zaudern ihre beiden blonden Buben (mit Tabletten?), hält sich die Verfolger mit der griffbereiten Benzinpistole vom Leib, übergießt sich endlich mit der brennbaren Substanz und steckt zunächst ihren silbernen Leihwagen, dann auch sich selbst in Brand. „Juste ciel!“ Groß ist das Entsetzen der Umstehenden.

Um die realistischen Räume seines Bühnenbildners mit ebenso realistischen Alltagsverrichtungen zu füllen, beschäftigt Simon Stone in seiner Inszenierung ein Heer von Statisten: Rollkoffer werden geschoben, Drinks serviert, Fenster gereinigt, Kissen aufgeschüttelt, es wird in filmreifem Realismus getuschelt, getanzt und geduscht. Doch das ganze, durchaus gekonnt in Szene gesetzte Gewusel kann über die Substanzlosigkeit dieses Abends nicht hinwegtäuschen. Stone und sein Team verlieren sich in aberwitzigen Details, die zum Verständnis der Handlung nicht das Geringste beitragen. Zu glauben, eine Geschichte werde heutiger, zugänglicher, aktueller, indem man ihren Figuren die Kleidung unserer Gegenwart überstülpt (Kostüme: Mel Page) und sie in Räumen agieren lässt, die wirklich betretbar sind, ist ein fundamentaler Irrtum.

Um eine gewissermaßen zeitgemäße Lesart, die sich die Erkenntnisse der historisch informierten Aufführungspraxis zu eigen macht, ging es wohl auch Thomas Hengelbrock am Pult der Wiener Philharmoniker, die mit „Médée“ ein für sie mehr oder minder unbekanntes Terrain betreten, wurde die Oper in Wien doch zuletzt 1972 (!) gespielt. Zumeist rasche Tempi, scharfe Akzente und eine steile Dynamik kennzeichnen Hengelbrocks Dirigat. Dagegen wäre nichts einzuwenden, wenn auch die klangsinnlichen Aspekte und introspektiven Momente dieser reichen Partitur liebevoller entfaltet und größere Spannungsbögen geschaffen worden wären. Leider aber wollen sich die Einzelheiten bei Hengelbrock nicht zur großen Linie runden. Zudem stellt sich zwischen dem technisch sehr guten, aber wenig inspiriert klingenden Orchester und den Sängern auf der Bühne kaum je eine echte Verbindung, ein gemeinsames Atmen ein.

Pavel Černoch singt die anspruchsvolle Partie des Jason mit zunächst angestrengtem, später freier werdendem Tenor, von dem man sich allerdings größere Flexibilität im Ausdruck gewünscht hätte. Auch Elena Stikhina könnte die schwierige Titelrolle noch differenzierter gestalten und die seelische Zerrissenheit der Figur gerade in ihrem großen Auftritt am Ende der Oper stimmlich durch entsprechende Farbgebung beglaubigen. Dennoch überzeugt sie mit ihrem sicher geführten, strahlkräftigen Sopran. Alles in allem ein schwacher Festspielabend, der vom Publikum nach drei zähen Stunden leidenschaftslos beklatscht wurde.

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