Measha Brueggergosman, Jukka-Pekka Saraste

Strauss‘ Abschied

Sopranistin Measha Brueggergosman (Foto: Mat Dunlap) und Dirigent Jukka-Pekka Saraste (Foto: Juha Ruuska)

Die kanadische Sopranistin Measha Brueggergosman präsentierte Richard Strauss‘ "Vier letzte Lieder" in Begleitung des WDR Sinfonieorchesters unter der Leitung von Jukka-Pekka Saraste 
(Köln,16. November 2012) Zu Beginn einer im Internet nachlesbaren "offiziellen" Biografie der kanadischen Sängerin Measha Brueggergosman wird die "Welt am Sonntag" mit einer Eloge zitiert: "Stimme, Persönlichkeit und Ausstrahlung – dieses schwer fassbare Etwas namens Starqualität". Welche eine nichtssagende Formulierung. Und eine Rundfunkzeitschrift, hinweisend auf die Ausstrahlung des hier rezensierten Konzert, bei welchem das WDR Sinfonieorchester unter Jukka-Pekka Saraste die Sängerin begleitete, meinte, dass sie "mit ihrem Sopran die Säle zum Bersten und die Herzen zum Schmelzen bringt." Oh my God! Für eine Jessye Norman mögen diese Worte Berechtigung haben, und mit ihr wird Measha Brueggergosman ja auch immer wieder mal verglichen. Doch außer der dunklen Hautfarbe haben die beiden Künstlerinnen eigentlich nur wenig gemeinsam.
Der Sopran der Norman, in der Höhe leicht begrenzt, besitzt vom Timbre her Mezzofarbe, ihr dunkelsamtiges Organ flutet über den Hörer förmlich hinweg. Measha Brueggergosman ist hingegen definitiv ein Sopran, mit warmer Mittellage zwar, aber insgesamt doch relativ hell. Beide Sängerinnen verbindet freilich das Interesse für abseitiges Repertoire, der Einsatz für zeitgenössische Musik und eine besondere Zuneigung für den Liedgesang. Beide haben u.a. die "Vier letzten Lieder" von Richard Strauss interpretiert, Measha Brueggergosman allem Anschein nach erstmals 2004 mit dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin. Jetzt bot sie diese auf Einladung des Westdeutschen Rundfunks in der Kölner Philharmonie.
Nach der Londoner Uraufführung 1950 (Kirsten Flagstad, Philharmonia Orchestra: Wilhelm Furtwängler) wurden die "Vier letzten Lieder" bald Kult. Leicht begreiflich, denn die Musik bündelt ein letztes Mal den ganzen Strauss-typischen, romantisch-üppigen Ausdruck, wie er damals eigentlich als überholt galt (aber vielleicht gerade deswegen das Publikum bis heute so überwältigt). Er lässt an wehmütigen Abschied denken, was wenige Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges natürlich besonders intensiv wirken musste.
Die finale Komposition von Strauss waren die "Vier letzten Lieder" nicht, es folgte noch das eher beiläufige "Malven". Auch die Reihenfolge war ursprünglich anders konzipiert (mit Eichendorffs "Im Abendrot" an erster Stelle). Wie auch immer: die heutige Werkgestalt des "Zyklus" besitzt Logik bezüglich Text und Musik. Ein anderer Schluss als das verebbende Es-Dur wäre schlichtweg nicht mehr vorstellbar.
Kaum eine Sopranistin hat sich die "Vier letzten Lieder" entgehen lassen: Elisabeth Schwarzkopf mit ihrer individuellen vokalen Farbgebung, Lisa della Casa, Sena Jurinac und Gundula Janowitz mit eher kühlen Stimmen, Elisabeth Grümmer fraulich-mütterlich, Kiri Te Kanawa und Renée Fleming mit cremigem Gesang. Den Stimmen farbiger Künstlerinnen ist meist eine leicht dunkle Färbung eigen: Jessye Norman, Leontyne Price oder auch Martina Arroyo, die 1969 beim WDR unter Günter Wand eine ganz wundervolle Aufnahme gemacht hat.
In diese Sphären gelangte Measha Brueggergosman am Schluss, bei "Im Abendrot". Eingestiegen war sie mit einer in der Höhe leicht flackrigen Tongebung, auch die Intonation war nicht immer optimal, und zum rechten Wehmutston fand sie erst langsam. Mit den "Vier letzten Liedern" wird man Measha Brueggergosman somit fürs Erste nicht identifizieren wollen. Jukka-Pekka Saraste begleitete mit seinem Orchester sehr klangüppig und damit über weite Strecken zu laut, was die Tonmeister bei der Radioübertragung sicher etwas korrigiert haben. In irgendeiner Form wird es wohl auch bald eine Aufnahme geben. Ein anderes kleines Defizit beim Konzert: für die Zuhörer, welche den Konzertmeister José Maria Blumenschein mit dem Rücken vor sich hatten, war das paradiesische Violinsolo in "Beim Schlafengehen" nur wie unter einem Schleier zu hören. Der Ausklang mit "Im Abendrot" war dann freilich pure Entrückung.
Zu Beginn des Konzertes gab es – Ehrensache – ein Werk aus dem Heimatland des Dirigenten. "Die Okeaniden" von Jean Sibelius gehören nicht gerade zu den häufig gespielten Tondichtungen des finnischen Komponisten. Während etwa Claude Debussy in "La mer" auf "clarté" setzt und mit melodischen Linien spielt, dräut das "Okeaniden"-Orchester reichlich düster vor und in  sich hin, die einmal angeschlagene Stimmung wird kaum variiert, auch wenn das Glitzern von Gischt und das Aufbäumen von Wogen immer wieder mal hörbar wird. Andererseits ließ man sich gerne einmal in solch einen dunklen Sog hineinziehen, zumal Jukka-Pekka Saraste die Musik bei aller Flächigkeit klanglich differenziert durchleuchtete.
In den rauschhaften Taumel führte zuletzt Ludwig van Beethovens Siebte Symphonie. Saraste wählte generell ein drängendes Tempo, trieb zuletzt das "con brio" des Finales auf die Spitze. Der sonst eher etwas kühl wirkende Maestro einmal anders. Das Publikum tobte.
Christoph Zimmermann

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