Massenets Don Quichotte in Bregenz

Don Quichotte und der Ventilator

Mariame Clément inszeniert Jules Massenets „Don Quichotte“ bei den Bregenzer Festspielen sehr originell als fünf kleine Opern

Von Klaus Kalchschmid

(Bregenz, 18. Juli 2019) Erst einmal gibt es „Gilette“-Werbung auf Großleinwand, in der unser Bild vom Mann quer durch die Altersgruppen auf die Schippe genommen wird – nachzusehen auf youtube! Während des Gelächters nach diesem zweiminütigen Entrée vor der Premiere von Jules Massenets „Don Quichotte“ im Bregenzer Festspielhaus beginnt ein Mann in den ersten Reihen renitent zu werden und wild vor sich hin zu schimpfen, später ist er als das Schauspieler-Double von Sancho Pancho erkennbar. Er fühlt sich in seiner bärtigen Männlichkeit in‘s Mark getroffen bis schließlich der „Ritter von der traurigen Gestalt“ von hinten den Zuschauerraum betritt, so wie er wohl mit klappernder Rüstung und Rauschebart bei der Uraufführung 1910 in Monte Carlo ausgesehen haben mag. Das ungleiche Paar nimmt zusammen mit weiteren Männern Platz auf der Bühne und sieht sich den ersten Akt der Oper an – ein Marktplatz in malerisch gemalten Kulissen, wie man sie wohl in den 1940er Jahren zum letzten Mal sah. Das ist ein charmant ironischer Ausflug ins Opernmuseum und eine von fünf Stilistiken, die Ausstatterin Julia Hansen für die fünf Akte der Oper wählte.

Schon das erste – und berühmteste – Abenteuer erlebt Don Quichotte heute: Nun ist Gábor Bretz in seiner wahren und schönen, virilen und fast jugendlichen Gestalt beim Rasieren im Badezimmer, während Sancho Pansa auf der geschlossenen Klobrille vor sich hin mault. Plötzlich wachsen die kleinen Flügel der Lüftung zu einem riesigen Windrad an und unser Ritter ficht einen irrwitzigen Kampf mit Wasser, Klobürste und Handtuchstange aus. Auch das dritte Bild, eigentlich „auf dem Lande“ angesiedelt, spielt bei Julia Hansen und Regisseurin Mariame Clément in einer städtischen Problemzone von heute: An der bühnenbreiten Fassade fallen schon die Kacheln ab und ein großes Graffiti beschwört den ominösen Helden, der dann als veritabler Superman in Rot und Blau alias Don Quichotte auch auftritt. Er glaubt eine brutale Jungsgang in die Schranken zu weisen und steht doch am Ende blutüberströmt da, wenngleich die gestohlene Kette seiner angebeteten Dulcinée in Händen haltend.

Im vierten Akt verkriecht sich der verhinderte Liebhaber unter einem Schreibtisch im Großraumbüro, wo die Chefsekretärin Dulcinée von allen vergöttert wird bis der verhuschte blonde Spießer mit dem Karo-Pullunder ihr schließlich das Collier zum Geschenk machen darf und einen Kuss erhascht. Wieder setzt Massenet feines spanisches Kolorit ein, das in die sterile Büro-Atmosphäre feine Farben zaubert, auch wenn der junge – im Probenprozess erst eingesprungene – Daniel Cohen auch hier sehr zurückhaltend und fast zu kammermusikalisch und wenig farbenreich bleibt, um mit den Wiener Symphonikern nur ja nicht in eine Pathos- oder Gefühligkeits-Falle zu tappen.

Die russische Mezzosopranistin Anna Goryachova ist eine wunderbar sinnliche und doch seltsam kühle Dulcinée, Gábor Bretz ein expressiver, aber durchaus und sehr stimmig von Melancholie angekränkelter Don Quichotte, der seinen Bassbariton differenziert einsetzt, David Stout ein praller, sehr menschlicher Sancho Pansa. Auch die Nebenrollen sind prägnant besetzt und einmal mehr erweist sich der Prager Philharmonische Chor als exzellenter Opernchor.

Am Ende wechselt noch einmal die Szenerie und jetzt ist die dritte Ebene in diesem Theater auf dem Theater erreicht, das ein wunderbarer Bilderbogen ist: kaum vier mal vier Meter groß ist der Ausschnitt, in dem vor schwarzweiß gezeichneten Bäumen das Leben des Don Quichotte endet. Er sieht aus wie zu Beginn, doch schon zieht ihm sein Diener die Maske ab und einmal mehr erscheint das wahre Gesicht von Sänger und Figur zu einem ergreifenden Abschiedsgesang, in den von draußen die Ahnung der Stimme Dulinées hineinweht. Es ist das Ende eines Lebens voller Täuschungen, Verirrungen und Verwirrungen, aber auch kleiner Momente des Glücks und der Sehnsucht. Dann schließen sich zum noch einmal kurz sich aufbäumenden Orchester drei rote Vorhänge schnell hintereinander.

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