Maskenball Immling

Aserbaidschan in Immling

Anastassja Bibicheva (Ulrica) und Monica Chávez (Amelia) Foto: Gut Immling

Cornelia von Kerssenbrock und Julia Riegel präsentieren auf dem Opernbauernhof Gut Immling Verdis „Maskenball“
(Immling, 22. Juni 2007) Auch an Verdi kann man sich verheben. Auf wen sonst passt das Rezept – „Gib mir fünf gute Sänger und ich mache dir eine gute Oper“ – besser als auf ihn. Leider mangelte es hörbar an dieser Hauptingredienz des Erfolgsrezeptes, als am Freitagabend Verdis „Un ballo in maschera“ zum Auftakt des 11. Opernfestivals in der Reithalle auf Gut Immling im Chiemgau Premiere hatte.
Exakt fünf gute Sänger braucht man nämlich auch, um mit einem „Maskenball“ Furore zu machen. Schwächelt es in dieser Sparte, steigen die Anforderungen ans Orchester und an die Inszenierung, die nur durch ein faszinierendes Regiekonzept ein Gegengewicht bieten könnte. In Immling fiel die Bilanz heuer nicht so rosig aus, wie bei manch vergangener Produktion („Otello“, „Cavalleria rusticana“). Trotzdem war das Haus voll, die Stimmung gut und der Einsatz aller Beteiligten groß.
Verdis „Maskenball“ ist Ludwig Baumanns Schicksalsoper. Vor 12 Jahren verletzte sich der Festspielleiter, der die Rolle des Renato an der Dresdner Semperoper sang, bei einem Sturz so schwer, dass er seine Gesangskarriere aufgab. Seinen damaligen Ersatzmann, Dimitri Kharitónov, engagierte er jetzt für Immling und der russische Bariton überzeugte – musikalisch sicher und geschickt agierend – als väterlicher Freund Riccardos ebenso wie als rasend eifersüchtiger Rächer.
Übertrumpft wurde er allerdings von seiner Landsmännin Anastassia Bibicheva. Mit sattem, dunklem, die Register gekonnt mischendem Mezzo rückte sie die Ulrica nicht als eine hexenartige Wahrsagerin, sondern als eine schamanenhafte Hohepriesterin ins Zentrum des musikalischen Geschehens.
Felicitas Fuchs‘ heller Sopran klang anfangs unruhig und etwas spitz, doch gewann die gebürtige Prienerin als sich aufplusternder Oscar zunehmend Sicherheit und trumpfte auch in den Ensembles keck auf.
Intonationsschwierigkeiten trübten leider Enrique Ambrosios tenorale Überzeugungskraft als Riccardo. Obwohl seine Stimme in der Höhe spontan ansprach, forcierte er zunehmend. Vielleicht um seiner Partnerin Paroli zu bieten. Sie schrillte im Fortissimo über die Schmerzgrenze hinaus und musste sich für den Ball in eine quietschrosa Kostümierung zwängen, die einem tätlichen Angriff gleichkommt.
Es war kein leichtes Unterfangen für die Dirigentin Cornelia von Kerssenbrock, das inhomogene Sänger-Ensemble zu koordinieren. Auch das Orchester, die Münchner Symphoniker, klebte förmlich an der Scholle und musizierte unter ihrer Leitung einen erdenschweren, keinen federnden Verdi. Nur punktuell tauchten (etwa im zweiten Akt) instrumentale Feinheiten auf, stellten sich rhythmische Prägnanz oder Leichtigkeit (Spottgesang) ein.
Als zuverlässige musikalische „Instanz“ präsentierte sich wieder der Festivalchor Immling, in dem Chiemgauer Laien-Sänger, unterstützt von Profis aus Aserbaidschan, ihrer Opernleidenschaft frönten.
Wer als Inszenator auf der breiten, kaum tiefen Reitstall-Bühne bestehen will, muss zupacken können, wobei ein möglichst knackiges Konzept hilfreich ist. Die junge Regisseurin Julia Riegel blieb da eher zurückhaltend: Verständlich und schlüssig erzählte sie die Liebes- und Verschwörer-Geschichte, die sie und ihre Bühnen- und Kostümbildnerin Caroline Neven Du Mont weder am schwedischen Hof (wie im zu Verdis Zeiten verbotenen Original), noch in Boston (wie in der Zensur-Fassung), sondern in einem italienisch anutenden Irgendwo ansiedelten. Zwischen weißen, luftigen Seiden-Hängern, die in changierendem Licht (und mit vagen Projektionen) besonders in der Ulrica-Szene und in der hellen „Mezzanotte“ auf dem Galgenhügel Atmosphäre schufen.
Riegels Personenführung griff vor allem bei Riccardo, der als amtsmüder Herrscher Oscars Zerstreuungen lieber folgt als den Warnungen seines getreuen Renato, der ihn immer wieder in die Herrscher-Montur zwingen muss. Dass er vor morgenrotem Horizont in den Armen Ulricas stirbt, macht Sinn, ebenso wie der finale Selbstmord Renatos.
Gabriele Luster

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