Märzmusik

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Musik im Sendeturm

„fichten“ Foto: Maerzmusik

Liegend lauschen und in luftiger Höhe: das Festival „MaerzMusik“ in Berlin
(Berlin, März, 2007) Das Publikum liegt flach auf der Bühne im Haus der Berliner Festspiele. Im Mai wird hier das berühmte Theatertreffen stattfinden, ein anderer Zweig der Festspiele. Jetzt ist März, es blüht und schneit und ist Zeit für die sechste Ausgabe von „MaerzMusik“ (16.-25. März), das Festival für aktuelle Musik vom 16.-25. März.
Um die Bühne sitzt das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin und spielt „fichten“ von Klaus Lang. Claudia Doderer hat für das Stück einen Wald aus Drähten gebaut, der in die Höhen des Bühnenhimmels führt. Man versinkt in klanglich raffinierter Musik. Töne fliessen herab, es könnte ewig so weitergehen. Die Unendlichkeit: ein nie erschöpftes Thema. Lang, moderner Romantiker, strebt nicht angestrengt danach, sondern zeigt uns einen Ausschnit. Wunderbares Paradoxon! Nach 70 Minuten ist Schluss.

Jodlerclub Wiesenberg Foto: Maerzmusik

15 Uraufführungen zum Beispiel, darunter Werke von Chaya Czernowin, Vinko Globokar oder Beat Furrer stehen auf dem Programm von „MaerzMusik“. Die Schweiz ist mit Heinz Holliger vertreten, Daniel Ott und vielen anderen, mit Stimmhorn, den Fränzlis da Tschlin oder dem Collegium Novum Zürich.
Das Motto des Festivals, „Alpenmusik, Stadtmusik, Turmmusik“, erklärt die starke Schweizer Beteiligung, können die Schweizer doch sowohl mit Alpen, als auch mit Städten und Türmen aufwarten. Zu welchem dieser Themen aber äusserte sich der in Bern geborene Heinz Reber mit „Walking in the limits“? Zum elektronisch geschredderten Klang von Charlotte Hugs Viola malträtierte er das Publikum mit Sätzen wie „Ich spür die Feindschaft, als wär ich irgendwann undeutlich wie zwei Personen“. Nach 90 Minuten lässt er uns durch den Schauspieler André Jung den Rat zukommen „Vergessen Sie alles!“. Machen wir gerne.
Sie zeigte den Berlinern wie die Alpen klingen: Mela Meierhans! Und wie dort gestorben wird. Die eigenartigen Rituale ihrer „Tante Hänsi“ liess Meierhans in urigem Urnerdeutsch vortragen. Dazu erklang eine knochig düstere Musik – es zitterte das Akkordeon, hauchte die Klarinette – und herzhafte Jodelklänge gab es auch, so genannte „Juitzer“, die in der Innerschweiz durchaus auch bei einer Beerdigung erklingen können. Das Publikum war’s begeistert. Ja, im Kontext zeitgenössischer Zwölftelton-Musik ist der Jodler ein wertvoller Kulturexport-Artikel. Dass damit nicht nur Heimatklang unterm geröteten Alpenfirn gemeint ist, sondern ein genuines und mit dem Leben (wie auch Sterben) verwurzeltes Stück Schweizer Musiktradition, daran ließ Meierhans keinen Zweifel aufkommen.
Als Musical bezeichnete der Altrocker und Undergroundgrafiker Raymond Pettibon sein Stück „The Whole World Is Watching“. Ein Witz natürlich. Zusammen mit einem japanischen Hardcoregitarristen und zwei deutschen Electronic-Musikern beschwor Pettibon die amerikanische Studentenrevolte. „The first time I read Marx, a red light went on in my head“, nuschelt er. 30 Jahre nach RAF ist das Thema auch in Deutschland wieder en vogue. Man kann jetzt lautstark die wilden Zeiten feiern. Doch liegt es in der Natur der Nach-Revolte, dass ihre Unmittelbarkeit zugunsten der Pose verschwunden ist.
Knallerbsen, Plastikflaschen, Knistertüten sowie eine akrobatische Stimme setzte die Irin Jennifer Walshe ein für ihr Stück „Physics for the Girl in the Street“. Eine verspielte „musique concrète“ mit hohem Schauwert. Walshe reagiere auf „die unsichtbaren Bedrohungen der Welt“, heisst es im Programm. Der steigenden Virtualisierung hält sie konkreten Alltagsklang entgegen und die Magie knisternder Einkaufstüten.
Mit dem Lift geht’s nun hoch. Auf 207 Meter, wo sich ein Restaurant um den Fernsehturm am Alexanderplatz dreht. Aussicht für die einen. Kein Überblick für die Musiker, die hier Moritz Gagerns „Babylonische Schleife“ ausführen. Sie sitzen, Blick nach aussen, weit auseinander. Die rotierenden Klang-Motive sind ohne Mitte, unten blinken die Lichter der Grossstadt. Ein schönes „Lost in Translation“-Gefühl kommt auf. Die Musik scheut sich nicht, den emotionalen Untergrund dafür zu liefern. Musik im Sendeturm. Die Botschaft ist angekommen.
Das Sendegebiet, das sich der künstlerische Leiter Matthias Osterwold für sein Festival ausgesucht hat, ist mit „Alpenmusik, Stadtmusik, Turmmusik“ ein ziemlich grosses. Und dennoch wundert es kaum, dass nicht alle Produktionen der diesjährigen Festivalausgabe da hineinpassten. Die Nach-Revolutionsmusik, die Physik-Musik, die Grenzgänger-Musik müssten noch genannt werden. War Vielfalt im Titel zwar schon angesprochen, so zeigte sie sich in der kompositorischen Praxis viel grösser, funkten die ausgewählten Komponisten aus sehr weit auseinander liegenden Winkeln der Musikszene. Empfangen wurden sie hier alle mit offenen Ohren. Ja, es blühte und schneite im Berliner März. Wir hörten – „Märzmusik“.
Benjamin Herzog

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