Martin Grubinger

Das Familienunternehmen Grubinger

Martin Grubinger Foto: Felix Broede

Martin Grubinger mit Vater, Ehefrau und Freunden on tour – ein Bericht von zwei Konzerten in Köln

(Köln, 19.+21. Oktober 2011) Den Martin Grubinger muss man einfach gern haben. Er wirkt wie ein Sportsfreund von nebenan (er trainiert für seine kräftezehrenden und sichtbar schweißtreibenden Auftritte ja auch sehr hart), spricht locker mit dem Publikum und lässt seine Freude an der Musik rückhaltlos spüren. Grubingers enorme Körperspannung hatte bei seinen neuerlichen Auftritten in der Kölner Philharmonie ein Spiel von messerscharfer Perfektion und Präzision zur Folge. Ganze vier Konzerte hat KölnMusik für den 28jährigen Schlagzeuger angesetzt; den beiden jetzigen werden noch Termine im März und Mai folgen.
Sohn Martin lernte bei Vater Martin, welcher – am Salzburger Mozarteum lehrend – für die künstlerische Aufwertung des Schlagzeugs seinerseits schon viel getan hat. Er wirkte im Kölner Konzert ebenfalls mit, weiterhin Leonard Schmidinger, Dozent am Wiener Konservatorium. Aber es bedarf offenkundig des besonderen Charismas von Martin Grubinger, um diese Kunst in der breiten Öffentlichkeit attraktiv zu machen, sie nachgerade zu popularisieren (am zweiten Abend war der Riesensaal fast zur Gänze gefüllt). Der Künstler sieht diese Entwicklung freilich als eine natürliche an, denn dass technischer Fortschritt im Alltagsleben und retrospektiver Geschmack im Musikleben vielfach unversöhnlich nebeneinander existieren, war für ihn schon immer schwer begreiflich. Sein Credo "zeitgenössische Musik kann so wunderbar sein wie eine Bruckner-Sinfonie" (dieser Vergleich kommt unverkennbar von einem Österreicher) mag vielleicht etwas überspitzt klingen, aber die zunehmende Begeisterung des Publikums scheint ihm Recht zu geben.

Das 1. Kölner Konzert wurde mit dem Schlagtrio Nr. 1/3 von Karlheinz Stockhausen eröffnet, einem fast 60 Jahre alten Werk. Das Spiel der beiden Paukengruppen wirkt überaus "sprechend", auch wenn sie auf den  Part des Klaviers nur wenig einzugehen scheinen. Béla Bartóks Sonate für 2 Klaviere und Schlagzeug von 1937 ist viel vernetzter gearbeitet. Das klassische Perkussionsstück (die beiden Klaviere darf man wohl entsprechend vereinnahmen) besticht nach wie vor durch seine kühle Farblichkeit, was außer von den beiden fantastischen Schlagzeugern (Grubinger, Schmidinger) auch vom Klavierduo Ferhan und Ferzan Önder unterstrichen wurde. Ferzan Önder ist Martin Grubingers Frau. Mal sehen, was aus dem Kind der beiden wird, dem Fazil Say seine Variationen aus dem Vorjahr widmete. Bei diesem Werk steht ein Wiegenlied Pate, entsprechend lyrisch der Grundton der Musik.

Der Abend wurde durch die Mitwirkung von Martin Grubinger senior als "Familienunternehmen" zusätzlich akzentuiert. Bei seiner Bearbeitung von Igor Strawinskys "Sacre du Printemps" hat er zweifelsohne ein wenig an den Virtuosen in sich gedacht und machte dem eigenen Anspruch alle Ehre. Auch alle anderen erwiesen sich ausnahmslos als Meister ihrer Instrumente. Für Martin junior erwärmt man sich freilich besonders stark wegen seiner physischen Energie, die sich auch in seiner Mimik spiegelt.
Die Veranstaltung zwei Tage später erwartete man u.a. mit einer besonderen Spannung, weil als eines der Werke das  zweite Streichsextett von Johannes Brahms (opus 36) angekündigt war. Brahms mit Xylophonen und Bongos? Doch nein, man hörte die Musik im Original, engagiert und klangschön gespielt vom 2003 gegründeten Gémeaux Quartett, welchem sich die Bratscherin Lea Boesch und der Cellist Maximilian Hornung hinzugesellten. Dieses ausgedehnte Intermezzo war willkommen, der musikdramaturgische Sinn blieb freilich etwas im Dunkel.

Schlagzeuger kommen um Iannis Xenakis nicht herum. Martin Grubinger gab sich bereits in seiner Anmoderation euphorisch und fuhr dann wie ein Sturmwind durch das Solostück "Psappha" (1975). Bei "Pléiades" (1978) wurde aus dem Sturm ein Orkan, zumal weitere Schlagzeuger mit von der Partie waren: Rizumu Sugishita, Sabine Pyrker, der bereits erwähnte Leonhard Schmidinger, der Ukrainer Slavik Stakhov sowie Rainer Furthner. Außer Stabspielen und Fellinstrumenten bedienten sie das vom Komponisten eigens entwickelte "Sixxen", dessen Metallplatten im Fortissimo einen geradezu gleißenden Klang erzeugen, der viele Zuhörer veranlasste, die zuvor ausgeteilten Ohrenstöpsel zu benutzen. Aber die Wirkung war schon wirklich soghaft.

Christoph Zimmermann

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