Marthaler bei den Wiener Festwochen

Zwischen Unter- und Oberwasser

Die Wiener Festwochen und ihre musikalischen Umtriebe

Von Derek Weber

(Wien, Juni 2018) Ob Christoph Marthalers „Tiefer Schweb. Ein Auffangbecken“ – von der Wiener Kulturkritik hypostasiert und in den Himmel gelobt – tatsächlich das ultimative und längst fällige neue Theaterstück des Schweizer Bühnenzauberers und Zeitentschleunigers ist, sei dahingestellt. Wie immer bei Marthaler spielt das Stück in einem erfundenen Absurdistan, diesmal am tiefsten Punkt des Bodensees, dem 243m unter der Oberfläche liegenden „tiefen Schweb“, in dem eine bürokratische Kommission tagt, um über zukünftiges Flüchtlingshaftes zu beraten. Am Rande geht es auch – das Stück wurde ja in München uraufgeführt – um Einbayerung, um Schnadahüpferln und abgefragtes Weißwurstwissen. Aber es könnte auch mit Wurstumfärbung überall in der Welt spielen, wo Mächtige sich abgeschottet von der zivilen Gesellschaft treffen, um überfallsartige Entscheidungen zu fällen (wie es halt heute in der Welt so üblich ist, wenn Großes auf dem Spiel steht).
Und das ist trotz mancher Entschleunigungs-Längen bösartig-unterhaltsam und mit Musik aller Arten – vom folklorehaftem A-Capella-Gesang bis zu popseligen Hammondorgelklängen – aufgemischt. Vielleicht ist das noch ein wenig unterhaltsamer und „leichter“als sonst bei Marthaler. Oder hat man sich schon so weit in seine Theaterwelt eingelebt, dass man es unterhaltsamer findet als dereinst, als einen dieser genau beobachtende skurrile Humor zutiefst verschreckte? Was geblieben ist, ist der stets aufs Neue überraschende Einsatz der Musik, die immer wieder von irgendwoher auftaucht, hereingefahren und -gestoßen wird, als ungebetene Einlage verstört.
Diese Intarsien schlagen bisweilen in zauberflötenhafte Einsprengsel um, in denen irgendein Ersatz-Tamino geprüft wird, so dass man fast vergisst, dass man sich ja eigentlich am Grund des Bodensees befindet, in einer unterwasserbayerischen Wirtshausstube mit einem schnuckeligen Kachelofen, der auch ein U-Boot-Teilchen sein könnte, wenn da nicht diese stets angespannt-bösartigen Bürokraten ihr Unwesen trieben, die immer wieder zu singen beginnen. Und natürlich gehören die alle zur Marthaler-Truppe.
Mit der Übernahme von „Tiefer Schweb“ besinnen sich die Wiener Festwochen unter Thomas Zierhofer-Kin nach den Anfangsschwierigkeiten des letzten Jahres wieder auf ihre von Alters her festgeschriebene Aufgabe, „ortsfremde“ Produktionen nach Wien zu holen und dem heimischen Theaterbetrieb Anregungen zu geben.
Das kann durchaus auch zur Begegnung mit einem Stück führen, das vor wenigen Jahren in alternativer Version bei den Festwochen zu sehen war: Schon 2014 hatten Matthias Görne, Markus Hinterhäuser und William Kentridge Schuberts „Winterreise“ in einer szenischen Produktion aufgeführt. Heuer ging die Reise mit der bekannten „komponierten Interpretation“ des Liederzyklus für kleines Orchester durch Hans Zender und in einer Inszenierung Kornél Mondruczós weiter.
Gezeigt wurde die ursprünglich 2014 von der „Opera Vlaanderen“ erarbeitete Version in einer Co-Produktion des „Proton Theatre“ und des Budapester „Contemporary Art Festivals“, welche die „Winterreise“ als heutige Flüchtlings-Passion zeigt: Interpretiert vom jungen ungarischen Sänger János Szemenyei, begleitet vom Orchester Óbudai Danubia Zenekar unter Máté Hámori und untermalt von den verstörenden Bildern Mondruczós wird Schuberts Musik in einen aktuellen Kontext gerückt. Es geht um Flüchtlinge, Heimatlose. Und zum Unterschied von den Medienbildern erscheinen dabei „menschliche Menschen“, die Schuberts Musik gleichsam untermalen oder gar – um auf einen österreichischen bildenden Künstler anzuspielen – sie „übermalen“. Verstärkt wird das dadurch, dass mit János Szemenyei ein Sänger am Werk ist, der Schubert mit starkem nationalen, ungarischen Akzent interpretiert. Dass er das mit elektronischer Verstärkung tut, ist ein gewisses Disagio, aber vielleicht perspektivisch auch nur eine Frage der Feinabstimmung.
Insgesamt scheinen – zumindest, was die musikalisch mitbestimmten Produktionen betrifft – die Wiener Festwochen auf einem versprechenderen Kurs zu sein, als im letzten Jahr. Austariert ist das freilich programmatisch noch lange nicht.

 

 


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