Marriner und Lise de la Salle

In Champagnerlaune

Der inzwischen 87jährige Sir Neville Marriner dirigierte in München jugendfrischen Mozart und Beethoven, die grandiose Lise de la Salle spielte Mozarts d-Moll-Klavierkonzert

(München, 27. Oktober 2011) In den 1970er und 1980er Jahren setzte Neville Marriner die Standards der Mozartinterpretation. Zusammen mit seiner Academy of St Martin in the Fields spielte er für das Label Philips sämtliche Symphonien und Klavierkonzerte ein, Alfred Brendel war der Pianist an seiner Seite. Dem eher betulichen Mozart eines Karl Böhm setzte Marriner forschere Tempi, keckere Akzente und eine etwas kleinere Besetzung entgegen. State of the art sind diese Interpretationen zwar inzwischen nicht mehr – die Standards werden heute von der historischen Aufführungspraxis gesetzt, deren Anhänger Marriner nie gewesen ist. Dass Marriners Mozart dennoch nicht überholt ist, das bewies der unfassbar energiegeladene 87Jährige nun gemeinsam mit den Bamberger Symphonikern in Münchens Philharmonie.

Mozarts Haffner-Symphonie kam champagnerhaft gut gelaunt und zugleich nobel kultiviert daher. Schade nur, dass Marriner nicht selten agiler wirkte als die Bläser der Bamberger Symphoniker, die so manches Tempo verschleppten.
Im unruhigen Mittelteil der Romance von Mozarts Klavierkonzert d-Moll KV 466 fiel das besonders auf. Die grandiose Lise de la Salle machte das Konzert dennoch zum Ereignis. Obwohl erst 22 Jahre alt, spielt sie einen vollkommen mätzchenfreien, reifen Mozart – ein Großtalent wie sie muss nichts fragwürdig Neues bieten, um auf sich aufmerksam zu machen. Die Musik formt sie in weit ausgreifenden Linien, betont unter Ausschöpfung aller Möglichkeiten des modernen Konzertflügels besonders die gesanglichen Qualitäten und lässt Mozart nicht – wie manch historisch Informierter – wie zirpende Spieldosenmusik klingen.

Klangliche Ausdünnung kann man gewiss auch der Zweiten Beethoven nicht vorwerfen, mit der Marriner den ausschließlich der Wiener Klassik gewidmeten Abend beschloss. Das im Schatten der Eroica stehende, gern unterschätzte Werk ließ er jugendfrisch saftig auftrumpfen – ein ungewöhnlich gut gelaunter Beethoven.

Markus Schäfert     

Lise de la Salle gibt am Montag, den 16. Januar 2012, um 18.30 Uhr im Münchner Herkulessaal einen Soloabend mit Werken von Bach, Liszt und Schumann.

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