Markus Stenz Saariaho

Musikalische Projektionen

Markus Stenz und das Gürzenich-Orchester Foto: Matthias Baus

Das Gürzenich-Orchester unter Markus Stenz mit Werken von Henze, Brahms und Saariaho 
(Köln, 4. Dezember 2011) Im jüngsten Konzert des Gürzenich-Orchesters wurde man mit zwei bewährten Besonderheiten konfrontiert. Zum einen gibt Markus Stenz, wie früher auch sein Vorgänger James Conlon, Orchestermitgliedern Gelegenheit für solistische Auftritte; diesmal war es der Trompeter Bruno Feldkircher. Viele Mitglieder des Orchesters profilieren sich ohnehin mit individuellen Auftritten außerhalb der Kölner Philharmonie oder machen CD-Aufnahmen, meist  in Kammermusikformation. Die Konzertmeisterin Ursula Maria Berg nahm sämtliche Violinsonaten von Robert Fuchs auf, ihr Kollege Torsten Janicke spielte Konzerte von Max Bruch und Hans Werner Henze ein.
Diesmal wurde der Teppich also für Bruno Feldkircher ausgerollt, als sattelfester "Strahlemann" schon in vielen Orchesterkonzerten aufgefallen. Den Namen Feldkircher könnte man fast symbolisch verstehen, denn der Musiker stammt aus einem Tiroler Dorf und hat sich eine Liebe für zünftige Blasmusik bewahrt. Zur Sinfonik fand er durch die Bernstein-Aufnahme von Gustav Mahlers Fünfter, bei den Essener Philharmonikern (Stefan Soltesz) wurde die Liebe zu Richard Strauss geweckt, Richard Wagner kam ihm besonders nahe, als er 2006 zum Kölner Gürzenich-Orchester stieß. Da der Orchesteralltag auch Dienste im Opernhaus umfasst, ist freilich für Vielseitigkeit gesorgt. 
Für den Sonntagvormittag hatte sich Feldkircher das Trompetenkonzert Es-Dur (eigentlich für ein Corno di caccia geschrieben) von Johann Baptist Georg Neruda (1711?-1776) ausgesucht. Der Name des Böhmen ist heute kaum noch geläufig, das Konzert galt bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts sogar als verschollen. Es bedient den galanten Stil, ist dabei aber wohl weniger "Kleinod" (Programmheft) als Gebrauchsstück, dessen 15minütiger Gefälligkeit man sich aber gerne aussetzt. Auffallend sind synkopische Passagen  in den Rahmensätzen, die Bruno Feldkircher mit rhythmischer Exaktheit absolvierte. Noch stärker jedoch beeindruckte die kantable Handhabung seines Instruments. Markus Stenz ließ die Streicher Non-Vibrato spielen, was allerdings noch keinen historischen Aufführungsstil ergibt, welcher für diese Gebrauchsmusik aber wohl vonnöten wäre.
Die zweite Besonderheit war der von Stenz in seinen Jahren in Australien erfolgreich erprobte Programmpunkt "3. Akt". Das gespielte Werk wird im Vorfeld nicht expressis verbis genannt, man kann jedoch immer von einer Bezugnahme auf das vorherige Programm ausgehen. Stenz, ein exzellenter Moderator, gibt vor dem Erklingen immer sachdienliche Hinweise. So auch bei Hans Werner Henzes Sanctus aus dem Anfang der neunziger Jahre geschriebenem Requiem. Für Bruno Feldkircher (und zwei seiner auf Emporen postierten Kollegen) ergab sich damit ein neuer Auftritt, für Stenz die Gelegenheit, den von ihm besonders geschätzten Komponisten dem Kölner Publikum wieder einmal zu präsentieren. Die neun trauergeprägten geistlichen Konzerte enden mit besagtem Sanctus überraschend euphorisch. Auch dank der Arenaarchitektur der Philharmonie (sie erweist sich immer wieder als Gewinn) geriet die Aufführung eindrucksvoll und schloss sich an die "seelenverwandte" (Stenz) Musik von Johannes Brahms‘ Dritter emotional an, ergänzte ihre finale Besinnlichkeit mit hymnischem Elan.
Das "offizielle" zeitgenössische Musikstück des Programms, dem man sich ebenfalls gerne öffnete,  stammte von Kaija Saariaho. Auf der Bühne war von der finnischen Komponistin zuletzt "Emile" zu erleben (Lyon 2010). Bei "L’amour de loin" wandte sie erstmals bei einer Oper ihre spektrale Kompositionstechnik an, wo ein Computer Obertonschwingungen bündelt, die dann mit traditionellen Klängen verschmolzen werden. Der Titel des Orchesterstücks "Laterna magica" erinnert an den historischen Projektionsapparat, bei welchem das Tempo der Bildabläufe manuell zu steuern war. Weiterhin wurde Saariahos Stück von dem Ingmar-Bergmann-Film "Schreie und Flüstern" inspiriert (die Musiker haben über längere Strecken im Flüsterton zu skandieren). Für die Musik sind auch die differenzierten Lichteinstellungen bei diesem Film bedeutsam. Was sich stark nach Kopfarbeit anhören mag, läuft aber stark auf körperliches Nachempfinden hinaus. Markus Stenz und das Gürzenich-Orchester gaben der Komposition angemessen weiten Atem und farblichen Feinschliff. Ähnliches wäre für Brahms zu sagen: differenziert abgestufte Dynamik, eine romantisch wärmende Klangsteuerung (besonders bei den Holzbläsern) und eine im dritten Satz fast tänzerische Leichtigkeit.
Das Orchester erarbeitet sich derzeit zwei sinfonische Zyklen für den CD-Markt. Stenz widmet sich dem Oeuvre Mahlers (als nächstes dürfte die "Sinfonie der Tausend" herauskommen,  deren Liveaufführung an dieser Stelle besprochen wurde), Ehrendirigent Dmitrij Kitajenko (bereits mit Schostakowitsch und Prokofjew erfolgreich) geht Pjotr Iljitsch Tschaikowsky an. Gerade herausgekommen ist die "Fünfte".
Das beschriebene Konzert wiederum war als tagesaktueller Mitschnitt nach dem „Go live“-Prinzip zu haben. 
Christoph Zimmermann

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