Mariss Jansons mit Mahler und Beethoven

Eine Ahnung von Ewigkeit

Mariss Jansons Foto: BR

Größe in allen Musikstilen. Mariss Jansons dirigiert das Sinfonierochester des Bayerischen Rundfunks mit Beethoven und Mahler

Zu behaupten, mit Mariss Jansons habe die Welt nun wirklich den Dirigenten, nach dem sie sich nach Ende der Ära der Furtwänglers, Böhms, Bernsteins und Karajans und nach dem Tod Carlos Kleibers gesehnt hat, mag vermessen klingen. Aber wer den künstlerischen Werdegang des Letten über die Jahre verfolgen konnte und dem „Stand der Dinge“ nun beim jüngsten Konzert des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks im Münchner Herkulessaal lauschte, der konnte sich des Eindrucks nicht erwehren: Jansons ist der unangefochtene Meister der Sinfonik, der einzige, der es an Durchdringung und gleichzeitiger Strahlkraft des Musizierens mit dem einzigartigen Kleiber aufnehmen kann.

Wie wahrhaft überwältigend die Ausstrahlung Jansons‘ ist, das war im letzten Satz von Gustav Mahlers erster Sinfonie zu hören. Auch an der Stille, die im Saal herrschte. Jansons schien, zusammen mit dem ihm vorbehaltlos folgenden Orchester, die Zeit angehalten und sie ganz in Musik verwandelt zu haben. Als Zuhörer wollte man brennend jeden Wandel der Harmonien im Piano miterleben. Dabei sein, wenn sich die Klangfarben wieder wandeln. Jansons war ganz in die Musik eingetaucht und hatte sich deren Zeit zu eigen gemacht – nur er schien zu wissen, wohin sie führen würde und behielt unbeirrt die Kontrolle darüber. In einer Probe dazu hatte er seinen Musikern wieder und wieder eingeschärft, bei der Arbeit am Detail immer an die Phrase zu denken, an den musikalischen Spannungsbogen.

Was sie dabei gelernt haben, war eine Ahnung von der Ewigkeit. Schuberts himmlische Länge in Mahlers existenziellem Kampf. Eine fahle, stählerne Düsterkeit breitete sich aus, der Hoffnungsschimmer des Finales in unerreichbarer Ferne. Nichts Leichtes wollte Jansons an Mahlers beliebtester, weil vermeintlich „leichtester“ Sinfonie erkennen. Gleichsam im Sprung über Mahlers gesamtes sinfonisches Werk hinweg verband er sie mit Mahlers abgründigstem, pessimistischstem, in diesem Sinne ehrlichstem sinfonischen Werk, der Neunten. So „groß“ hat man Mahlers erste schon lange nicht mehr erlebt. Auch nicht so gefährlich bohrend, so irritierend schillernd, so ausgeleuchtet in allen Möglichkeiten der Orchesterfarben.

Man wurde Zeuge einer heute seltenen Übereinstimmung zwischen einem Dirigenten und „seinem“ Orchester; man hörte, dass der Dirigent die Musikerinnen und Musiker nicht nur instruiert, sondern sie erreicht und überzeugt hatte. Jansons konnte so alle Register ziehen. Wenn er wollte, dann ließen die Geiger den Klang schimmern, als käme er direkt von den Wiener Philharmonikern. Unglaubliche Substanz des ganzen Orchesters in leisesten Piano-Passagen; herrlich unverkrampft und frei auftrumpfendes Forte am Schluss, alle Farben präsent. Jansons scheint keine Mühe zu scheuen, seine Vorstellung von Musik allen Musiker zu vermitteln, seien sie in München, Amsterdam, Wien, Berlin oder St. Petersburg.

Dieses seltene Mahler-Erlebnis wurde eingestimmt von einem nicht weniger bezwingenden Beethoven-Erlebnis. Die Vielseitigkeit des Stils bei Wahrung des Charakters ist ein weiteres typisches Jansons-Merkmal. Wenn er frühen Beethoven dirigiert, wie hier dessen zweite Sinfonie, dann denkt er Haydn mit. In kleinerer, für Beethoven immer noch großer Besetzung mit 12 ersten und zweiten Geigen, zehn Bratschen, sechs Celli und vier Kontrabässen arbeitete Jansons zwar bewusst mit großem Klang, aber mit der Geste der Kammermusik. Die Frucht der Probenarbeit am Detail der Artikulation, am Zusammenspiel der Gruppen brachte hier reichste Ernte: Jansons demonstrierte an diesem Beethoven das lustvolle Spiel der Kräfte. Beethovens motivische Arbeit lag vor dem Hörer offen wie in der Partitur; Klangfarben-Rede gleichsam zum Mitlesen, spannend wie ein Thriller. Schade, dass wegen der Anlage des Saals und seiner akustischen Verhältnisse vom Parkett aus die Bläser gegenüber den Streichern weit weg und daher leise erschienen. Dass Jansons das anders meint und die Bläser genauso wichtig nimmt, war in der Probe vom Rang aus gut zu hören. Und das ist gewiss auch ein Teil des Geheimnisses von Jansons‘ musikalischer Größe: dass er genau weiß, welches Detail der musikalischen Arbeit in welchem Moment entscheidend ist; dass er nichts für zu gering hält, um es für seine Aussage fruchtbar zu machen.

Laszlo Molnar

Das Konzert wird übrigens in zwei Teilen im Bayerischen Fernsehen gesendet. Die Bildregie führt Brian Large. Mahlers erste Sinfonie ist am 27. Mai 2007 zu sehen, Beethovens Zweite am 28. Mai, jeweils zur Mittagszeit.

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