Marienvesper

Reportagen

Marienvesper und „Il Combattimento di Tancredi e Clorinda“ an der Staatsoper

Rezension von Robert Jungwirth
20.1.2007

Lithurgie und Theater bilden in der katholischen Kirche seit jeher eine Einheit. Claudio Monteverdi, zur Zeit der Gegenreformation in Norditalien geboren, wußte dies freilich nur zu gut und hatte von daher keine Probleme damit, in seinen geistlichen Werken theatralische Elemente und in seinen weltlichen geistliche Sphären anklingen zu lassen. Dies ist ein Grund dafür, dass Dirigent Rene Jacobs und Regisseur Luc Perceval Monteverdis Marienvesper und sein opernhaftes Madrigal „Il combattimento di Tancredi et Clorinda“ zusammen auf die Bühne brachten. Ein anderer sind inhaltliche Berührungspunkte in beiden Werken. Denn in beiden Stücken geht es um Liebe und Sehnsucht, um die Erfahrung von Transzendenz durch Liebe und Hingabe. In der schrecklichen Geschichte vom sich nicht erkennenden und tödlich bekriegenden Liebespaar Tancredi und Clorinda und in der libidinösen Verzückung der Marienvesper.
Doch Jacobs und Perceval gehen mit ihrer Bühnenversion sogar noch einen Schritt weiter und vermischen beide Werke dergestalt miteinander, daß das Madrigal an fünf Stellen mit Passagen aus der Marienvesper unterbrochen wird.
Was inhaltlich und auch musikalisch ganz gut funktioniert – wenngleich die Marienvesper in einem Kirchenraum sicher noch beeindruckender zur Geltung kommt – das bleibt szenisch völlig uneingelöst. Perceval wollte oder konnte keine Bühnenhandlung erzählen und läßt deshalb Solisten, Choristen und Musiker in fröhlich bunter Alltagskleidung einfach auf einem vierstöckigen Holzpodest nebst Stühlen und Notenständern umherstehen. Es sieht aus wie auf der Chorprobe. Ganz unten ebenfalls auf der Bühne dirigiert Rene Jacobs das vorgebliche musikalische Theater, das sich letztlich vollständig in der Musik und im Gesang abspielt – auch wenn Perceval immerhin manchmal verführerisch wirken wollende junge Damen in leichter Bekleidung, am Ende sogar ganz nackt, durch die Reihen der Musiker und Sänger laufen läßt, damit die ihnen mal den Bart kraulen oder sich ihnen auf den Schoß setzen. Das ist dann allerdings ebenso überflüssig wie unsinnig – denn um vordergründiges Begehren und Verführen geht es in keinem der beiden Stücke.
Weshalb man sich als Zuschauer am besten voll und ganz auf das musikalische Geschehen konzentriert. Und das ist es auch in jeder Sekunde wert. Denn was Jacobs, die Musiker der Akademie für Alte Musik Berlin, das concerto vocale sowie die Solisten und das Vocalconsort Berlin an musikdramatischer Charakterisierungskunst und intensiv musikalischer Empfindung darbieten, zählt gewiss zum Aufregendsten, was man gegenwärtig auf deutschen Opernbühnen hören kann. Sänger wie Musiker scheinen in jeder Phrase auf’s Innigste mit der Musik Monteverdis verschmolzen zu sein, dabei führt das Wissen um den Affektgehalt der Musik nie zu übertriebenem oder gar aufgesetztem Pathos.
Einhelliger Schlußjubel für alle Beteiligten, selbst den  Regisseur mochte niemand ausbuhen – es war ja eh kaum was zu sehen.

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  1. […] geht die Inszenierung von Calixto Bieito offenbar über frühere Ansätze in diese Richtung hinaus (Berlin 2007, Amsterdam 2017). Eine Handlung im engeren Sinn gibt es nicht, dafür nehmen die Gesangssolisten […]

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