Marc-André Hamelin

Elfen und Blues

Marc-André Hamelin spielt in München Haydn, Chopin, Weissenberg und Godowsky
(München, 10. Dezember 2007) Marc-André Hamelin, der so seriös ausschauende kanadische Pianist, ist immer für Überraschungen gut. Ob er Haydn ordentlich durchpustet oder virtuos die Grenze von der E- zur U-Musik aufweicht, die Münchner Klavierfans – darunter erstaunlich viele junge – pilgerten am Montagabend in den Herkulessaal, um ihm zu lauschen.
Zunächst seiner Auseinandersetzung mit Haydn: Der eröffnenden C-Dur-Fantasie, in der das hüpfende, kecke Thema ordentlich durch die Mangel gedreht wird. Trotz des forcierten Tempos und aller spielerischen Lebendigkeit verzichtete Hamelin nicht auf changierendes Farbenspiel. Er trübte mit der Rechten den Klang zart ein, während die übergreifende Linke die Höhe erstrahlen ließ.
Durchaus eigenwillig (mit Zäsuren, Ritardandi) setzte er die h-moll-Sonate in Szene: Dabei faszinierte, wie er im Kopfsatz die Struktur nachvollzog, das Menuettthema fast körperlos zum Elfentanz stilisierte und im Finale mit hämmerndem Staccato den Hexenkessel anfachte.
Jetzt war Hamelin in Stimmung für Alexis Weissenbergs virtuose Reminiszenzen an Tango, Charleston, Blues und Samba, die der große Pianisten-Kollege in seiner „Sonate en état de jazz“ verarbeitet hat. Zwischen dem Charleston-Feuerwerk und der rhythmisch exzessiv gesteigerten Samba ruhte ein zunehmend intensivierter, melancholischer Blues.
Im zweiten Teil kontrastierte Hamelin Chopins Barcarole Fis-Dur, in der er die Konturen verwischte und Stimmung statt Klarheit suchte, mit eigenen Etüden. Sein „Erlkönig“ nach Goethe erinnerte im Dialog zwischen rumorendem Bass und zartem Diskant durchaus an Schubert. In Godowskys „Symphonischen Metamorphosen“ blitzten dann unterm üppigen pianistischen Faltenwurf immer wieder walzerselig „Wein, Weib und Gesang“ (Strauß) hervor. Helle Begeisterung.
Gabriele Luster
zur CD-Besprechung von Hamelins Haydn-CD

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