Manon in Berlin

Briefe in der Schamgegend

Foto: Robert Millard

Jules Massenets „Manon“ mit Anna Netrebko und ohne Rolando Villazón
an der Staatsoper Berlin

(Berlin, 9. Mai 2007) Statt Puccini gab es diesmal Massenet. Beide Komponisten hatten – in
abweichenden Versionen – denselben Roman von Abbé Prévost vertont, nämlich die „Véritable Histoire du chevalier des Grieux et de Manon Lescaut“. Massenet zuerst. 1884 schrieb er seine „Manon“ als opéra comique. Puccini, nur neun Jahre später, schaffte mit seiner dramatischeren Fassung den Durchbruch als Opernkomponist und verdrängte Massenet damit weitgehend von der Bühne. Nun also „Manon“ à la française: eine leichte Spielplanbelebung. Ins Gewicht dürfte das kaum fallen, denn das Publikum der Staatsoper unter den Linden kam natürlich, um Anna Netrebko zu hören und ihren Bühnenpartner Rolando Villazón. Schon Wochen vor der Premiere verschwammen Opernwelt und
Realität in dem Hype um das Traumpaar zur aufregenden Mischatmosphäre. Von dieser Luft wollen viele kosten. In der von uns besuchten Vorstellung blieb von den ursprünglichen drei Protagonisten, will man Daniel Barenboim auch dazurechnen, nur
Netrebko übrig. Villazón hatte eine seiner berühmten Indisponiertheiten. Statt Barenboim, der das Dirigat sowieso nur kurzfristig und nur für die Premiere von dem ursprünglich
vorgesehenen Bertrand de Billy übernommen hatte, leitete Patrick Fournillier die Staatskapelle. Er steuerte das Orchester durch eine Partitur, die sich durch eingängige Simplizität auszeichnet, wenig komplex und fast nie mehrschichtig ist und sich oft in bloßer Begleitung und Stimmungsbildern erschöpft. Dass Fournillier und das
Orchester diese eher dürre Zitrone bis zum letzten Tropfen ausquetschten,
ist ihnen hoch anzurechnen.
Der Hollywood-Regisseur Vincent Paterson setzte die Aufführung in den bunten Bilder eines Fünfzigerjahre-Musicals um. Er blieb in seiner ersten Opernarbeit dem Fach treu, in welchem er sich bereits erfolgreich bewährt hatte. Paris gleich Eiffelturm, Bistro und Künstleratelier. Und frivol-lustig sind sie, diese Franzosen, oh là-là! Nun ja, vor fünfzig
Jahren hätten unsere Grosseltern hier vielleicht ein kleines Kitzeln empfunden. Warum dann im dritten Akt, der zunächst auf einem Jahrmarkt spielt, Eugène Delacroix‘ bekanntes Revolutionsbild als Kulisse herhalten muss, will sich einem nicht erschließen: Ein
kleines Rätsel gab uns da Paterson auf in seiner ansonsten glasklaren Unterhaltungsshow. 

Foto: Robert Millard

Aber: Das Publikum kam ja, um Netrebko zu hören.Natürlich hat die Sopranistin ein wunderbares Timbre, eine Leichtigkeit der Höhe und gut grundierte Tiefe. Ihre Spitzentöne möchte man am liebsten in einer Schmuckschatulle verstauen, um sie jederzeit vor sich haben können. Welche brillante Ausgewogenheit! Anders als im Salzburger „Figaro“, wo sie im Ensemble sang, ist sie hier Primadonna. Aber weder die Koordination mit dem Orchester, noch die künstlerische Gestaltung ihrer Rolle leiden darunter, was doch zeigt, wie ernsthaft sie an die Sache geht. Die Manon-Geschichte ist der Aufstieg einer hübschen Landpomeranze, die dem tristen Klosterleben ausweicht, in die Pariser High-Society. Mit ihrem ebenfalls kirchenflüchtigen Geliebten erblüht sie, um schließlich dem bühnenwirksamen Tod entgegen zu singen. Solche Aschenputteleien, den Aufstieg von der putzenden Studentin zum Weltstar, hat man schon in den Klatschspalten über Anna Netrebko gelesen. Nun geistern also auch die Opernfigur Manon und ihre Interpretin als Doppelwesen in jener Mischatmosphäre herum, in der bereits die herbei fantasierte Liebe des Operntraumpaars Netrebko und Villazón blüht. Paterson hat Prévosts Vorlage schlicht als französisiertes Netrebko-Märchen umgesetzt, kitschig und platt. Dass er in seiner Inszenierung dazu keinen sichtbaren Kontrapunkt setzt, ist schade.
Zum Beispiel reicht es nicht, eine Bettszene mit etwas nacktem Bein und Briefen, die in der Schamgegend zum Lesen bereitgelegt werden, erotisch aufzuladen. Damit ist die offensichtliche Triebhaftigkeit der beiden Protagonisten noch nicht wirklich nachvollziehbar gemacht. Erst recht nicht, wenn sich statt des schlanken Mexikaners Villazón die übergewichtige Ersatzbesetzung Fernando Portari auf dem Bett kugelt. Portari verfügt zwar über eine einnehmende, lyrische und einigermaßen kräftige Stimme. Den nötigen Zorn aber auf eine ungerechte Welt, auf Umstände, welche Sex und Liebesglück verunmöglichen, vermag er nicht zu entflammen. Und schon gar nicht ist er seiner Partnerin der adäquate Bühnenlover.
Einen schönen „Neben“-Eindruck in dieser aus der Balance geratenen Netrebko-Show hinterließ Christof Fischesser als Vater Des Grieux‘: ein sportlich jung gebliebener Bass. Mit einer bedauernswert kleinen Partie.
Benjamin Herzog

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