Manon Genf

Nackte Tatsachen ohne Wahrheit

Patricia Petibon als Manon Lescaut Foto: GTG / Carole Parodi

Patricia Petibon singt eine im wahrsten Sinn umwerfende Manon von Massenet an der Oper Genf
Von Robert Jungwirth
(Genf, 12. September 2016) Ja, es gibt auch schäbige Ecken im schönen, reichen Genf. Gleich wenn man vom Bahnhof Richtung See geht – bevor man die Luxushotels für 500 Euro aufwärts pro Nacht erreicht – überquert man ein paar Straßen, in denen es etliche schmuddelige Läden und schummrige Bars gibt. Vor diesen Bars sitzen auch tagsüber Damen und warten auf den Abend oder auf was auch immer. Das alles wirkt wie aus der Zeit gefallen, sieht nach 70er und 80er Jahren aus. Es scheint, als hätten sich der Bühnenbildner Pierre-André Weitz und Regisseur Olivier Py genau von dieser Szenerie inspirieren lassen für ihre Inszenierung von Jules Massenets „Manon" an der Oper Genf – jene Oper, basierend auf einem Roman von Abbé Prévost, der den Absturz der sich der Käuflichkeit ergebenden jungen hübschen Manon Lescaut zum Thema hat. Auch auf der Bühne sieht man billige Etablissements und altertümliche Leuchtreklamen.
In ein solches Etablissement wird Manon von ihrem Cousin gebracht, der doch eigentlich auf sie aufpassen soll. Doch dieser Lescaut ist wie (beinahe) alle Männer in dieser Inszenierung nur an einem interessiert: schnellem Sex. Ja, so sind sie die Männer, und deshalb wirft sich auch Lescaut bei der ersten Gelegenheit auf seine Cousine und vollzieht eine Art Sekundenbeischlaf. Und weil es immer nur um Sex und nackte Tatsachen geht, sind während der drei Stunden Spielzeit auch pausenlos barbusige Damen zu sehen – um den männlichen Voyeurismus im Allgemeinen und den des Produktionsteams im Besonderen Genüge zu tun. Falls das irgendwie kritisch gemeint sein sollte, ist das völlig "in die Hose gegangen", die Oper verkommt zur Stripteaseshow. Ein Riesenfauxpas und eine (auch ästhetische) Geschmacksverirrung für einen Regisseur wie Olivier Py, dessen Inszenierungen sonst deutlich mehr zu bieten haben.
Patricia Petibon als Manon ist da wie von einem anderen Stern. Die rothaarige Sängerin hat in ihrem kleinen Finger mehr Erotik als alle barbusigen Ballettdamen zusammen – und in ihrer Stimme sowieso. Deshalb geht der Chevalier des Grieux bei ihrem Anblick auch sofort zu Boden – als hätte ihn der Blitz getroffen. Ob das nun witzig oder ernst gemeint ist, darüber kann man wie über manch anderes in dieser Inszenierung rätseln. Überzeugend ist es mit Ausnahme von Patricia Petibon eigentlich nie.
Auch wenn Massenets Musik nicht an die von Puccini heranreicht, der bekanntlich den nämlichen Stoff veropert hat, gibt es für die Titelrolle doch sehr lohnende und anspruchsvolle Arien in dieser „Manon“. Patricia Petibon verleiht ihnen mit wunderbarer stimmlicher Flexibilität und auch Verismo-Kraft eine emotionale Tiefendimension, von der die Inszenierung meilenweit entfernt ist. Was hätte man mit dieser großartigen Sängerdarstellerin nicht alles aus dieser „Manon" machen können…So erfreut man sich als Besucher dieser Produktion denn an der gesanglichen Qualität der Sopranistin, in Abwandlung eines berühmten Ausspruchs des Regisseurs Wieland Wagner: Was brauche ich eine Inszenierung, wenn ich eine Petibon auf der Bühne habe?
Auch Des Grieux, der Manon tatsächlich liebt, bleibt szenisch eine Karikatur. Stimmlich aber hat der Tenor Bernard Richter doch einiges zu bieten. Während er vor der Pause manchmal ein wenig wackelig wirkte, drehte er danach umso stärker auf; als wollte er Massenet doch noch wie Puccini klingen lassen. Ein Talent ohne Zweifel, das aber aufpassen sollte, sich nicht zu überfordern. (Schön wäre auch, wenn er statt deutsch „Manoh" französisch Manon singen würde.) Marko Letonja am Pult drehte ebenfalls mitunter ordentlich auf, ließ aber insgesamt geschlossen und klangschön diesen Puccini-Vorläufer musizieren.
Tipps und Hinweise für eine Reise nach Genf
Sehenswert ist vor allem die Genfer Altstadt, die auf einem Hügel nahe dem See gelegen ist und sehr pittoreske Gassen und Plätze bietet. Hier wurde Jean-Jacques Rousseau geboren und das Rote Kreuz gegründet.
Ein sehr empfehlenswertes Lokal für ein schönes Abendessen mit vorzugsweise Fischgerichten ist das "Café du Centre" am Place du Molard am Fuß der Altstadt gelegen unweit des Sees. Für ein leichtes Mittagessenzu im Freien zu empfehlen ist das "Cottage Café" auf der anderen Seite des Sees, in Seenähe und gleich bei den großen Hotels und der Prommenade.
Übernachten kann man vergleichsweise günstig im äußerlich unscheinbaren, innen aber modern und angenehm eingerichteten Hotel Les Nations (***) an der Rue du Grand-Pré 62 – in Gehnähe zum Hauptbahnhof (Gare Cornavain) oder mit dem Bus Nr. 8 vom Hbf zu erreichen.
Weitere Informationen unter: “ target=“_blank“>www.myswitzerland.com
Gratis-Informations- und Buchungsnummer: 00800 100 200 30



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