Mandela Musical

Mandelas Erbe

Foto: Deutsches Theater

Das Deutsche Theater in München zeigt die "Folk Opera" "Mandela Trilogy" der Cape Town Opera. Auch diese Produktion ist ein Erbe von Nelson Mandelas Kampf
Von Laszlo Molnar
(München, 5. Juni 2014) Das ist ein Projekt, dass vorbehaltlos Sympathien auf sich zieht. Die Cape Town Opera aus Kapstadt zeigt im Deutschen Theater in München ihr Opernprojekt „Mandela Trilogy", Autor Michael Williams, Musik von Peter Louis van Dijk und Mike Campbell. Eine südafrikanische Produktion über ein südafrikanisches Thema; aber eines, das die ganze Welt bewegte und immer noch bewegt. Zudem in dem Münchner Theater, das man bis vor wenigen Monaten als ewige Baustelle erlebt und damit kaum mehr wahrgenommen hatte. „Mandela" war deshalb ein idealer „eye catcher". Und, wie man bei der Premiere erleben durfte, auch ein echter „eye opener".
Die Autoren nennen ihr Werk eine „Folk Opera on the life of Nelson Mandela". Darin steckt vieles, und auch viele Ansprüche: „Mandela" soll eine Oper sein. Aber sie soll auch das „Volk" erreichen. Sie soll einen anspruchsvollen Inhalt transportieren, sie soll auch unterhaltsam sein. Zum Nachdenken verleiten und zum Mitgehen. Tatsächlich stellt man nach den dreieinhalb Stunden des Abends fest, das von allem etwas passiert ist. Dass man deshalb auch mehr verwundert als gefesselt, betört oder fasziniert das Theater verlässt. Verwundert, weil „Mandela" laufend den Erwartungen zuwider läuft, die man als westlicher Kulturkonsument einem Theaterbesuch so entgegenbringt. Das ist eine der großen, vitalisierenden Leistungen des Stücks: den Zuschauer zu zwingen, etwas anderes als das Gewohnte aufzunehmen, es zu akzeptieren und sich so dem Inhalt gründlicher zu stellen, als man es sonst tun würde.
Die „Mandela"-Autoren bedienen sich dafür der verschiedensten Mittel: Akt eins und drei, komponiert von Peter Louis van Dijk, der expressiven postmodernen Oper, wie man sie von amerikanischen Komponisten wie John Adams kennt. Durchkomponierte dramatische Großform, durchkomponierte Gesangsnummern statt Arien, kontinuierlich modulierender Fluss der Musik. Nach dem Prolog in Mandelas Zelle auf Robben Island, wo Mandela 17 seiner insgesamt 27 Jahre in Haft eingesperrt war, befasst sich der erste Akt mit der Jugend des späteren Freiheitshelden – er lebte von 1916 bis 2013 – in seinem Geburtsdorf. Williams und van Dijk erzeugen hier eine hochinteressante Begegnung der afrikanischen Traditionen mit der westlichen Kulturform Oper. Geschildert wird, wie der junge Mandela ins Mannesalter kommt und den für die Xhosa verbindlichen Initiansritus über sich ergehen lassen muss. Es geht um uralte afrikanische Traditionen, um die Kleidung der Menschen in der dörflichen Gemeinschaft, um deren Kultur. Geschickt vermeiden die Autoren alles, was nach Folklore wirken könnte. Die für uns so „exotische" Szenerie wird eingebettet in eine Musikumgebung von größtem Ernst und erhält dadurch eine ebenso humane wie historische Verbindlichkeit. Zudem kann man die Autoren dabei beobachten, wie es ihnen gelingt, eine eigene afrikanische Opernkultur zu definieren.
Den zweiten Akt gestaltete Mike Campell als offenkundigen Gegensatz. Nun geht es um das Lebensgefühl der afrikanischen Südafrikaner in den fünfziger Jahren, als in Sophiatown, einem Stadtteil von Johannesburg, die Club- und Jazzszene erblühte. Mandela nahm daran teil, lebte dort sein bewegtes Beziehungsleben und verdichtete, als Sophiatown 1953 auf Regierungsbeschluss zwangsgeräumt wurde, seine Gedanken zum Aufstand gegen die Unterdrückung durch die Weißen. Dieser zweite Akt der Trilogie neigt dem Musical zu, lässt auch die Zuschauer an dem beswingten Treiben im Club teilnehmen. Wie erwartet, erklingt Miriam Makebas Hit „Pata Pata". Campbell lässt die Freude daran aber nicht ungetrübt. Äußerst wirkungsvoll deutet er die Melodie für die Klage von Mandelas damaliger Frau Evelyn um und beendet sie dann mit einem dumpfen Grollen, mit dem die Räumungskommandos der Weißen auf den Club zurollen. Alle werden aufs brutalste aus diesem Hochgefühl der Lebenslust herausgerissen.
Der dritte Akt ist die Gefängnisszene, Musik wieder von Peter Louis van Dijk. Dies ist mehr Gegenwart, dem Nicht-Afrikaner besser vertrautes Terrain, allerdings von einer seiner finstersten Seiten. Mandela sitzt in einer Ecke, an einer Betonwand, seiner Familie, seiner Freunde, seiner Kultur und seiner Wurzeln beraubt. Aber Worte und Musik machen klar, dass das nur äußerlich ist. Indem die Musik die Brücke schlägt zum ersten Akt, zeigt sie auch, dass die Kraft dieses Mannes sich entscheidend aus seiner Herkunft und seiner Haltung zu ihr speiste. Der Akt und die Oper enden mit Mandelas Freilassung und seiner Rede auf der Grand Parade in Kapstadt. [nächste Seite]

 

 



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