Mit der Uraufführung der Oper Maldoror wurde die 12. Münchner Biennale für neues Musiktheater unter dem Motto "Der Blick des Anderen" im Prinzregententheater eröffnet
(München, 27. April 2010) "Maldoror" heißt die Oper in sieben Bildern nach Motiven aus dem Roman "Le Chants de Maldoror" des 23-jährigen Isidore Ducasse, der sich selbst Comte de Lautréamont nannte. Der Titel ist ein Phantasiename, gewonnen aus den Buchstaben von "L'aurore du mal" (Morgenröte des Bösen). Doch während es in den sechs Gesängen des Romans von 1869 um die verschiedensten Grausamkeiten, die Maldoror Tieren und Menschen, Erwachsenen und Kindern antut, und ihre Ästhetisierung geht, äußert sich das Böse in der Gestalt Maldorors in der Oper vor allem in der Verführung eines Jungen, in den das Böse gleichsam übertragen wird. In der zentralen vierten Szene ist der Junge im Schoß seiner Familie zu sehen, während Maldoror sich erlkönighaft des Knaben bemächtigt und ihn schließlich tötet. Dennoch ist die Oper alles andere als eine über das Thema "Kindsmissbrauch", sondern vielmehr eine, die das Verhältnis eines Autors zu seiner Romanfigur beleuchtet, die zeigt, wie ambivalent das Böse ist, wie verführerisch und sinnlich. Denn ebenfalls anders als im Roman lassen Komponist Philipp Maintz und Librettist Thomas Fiedler den Autor Lautrémont als eine Art Zwillingsbruder seiner Kunstfigur Maldoror auftreten. Am Ende stirbt der Dichter mit den Worten: "Lebe also wohl, Maldoror. Ich gehe in die Ewigkeit, Vergebung für dich zu erflehen!"
In der Inszenierung von Georges Delnon und Joachim Rathke liegen da alle tot wie im Netz einer Spinne - in einer die ganze Bühne füllenden feinmaschigen Stahlkonstruktion, die aussieht wie ein Hamsterrad, in der man klettern, auf verschiedenen Ebenen sitzen und stehen und in der die Projektion des französischen (Original-)Textes fortwährend rotieren kann. Diese Bühne (Roland Aeschlimann) ist ein großartiges (Sinn-)Bild für das Leben. Darin ereignet sich entsprechend selten Realistisches oder Drastisches, sondern vielfach nur Angedeutetes: Gesten der Zärtlichkeit und der Gewalt, homerotisch Angehauchtes zwischen Lautréamont und Maldoror, beide in ähnlich virile Anzüge aus schwarz schimmerndem Leder gekleidet (Kostüme: Marie-Thérèse Jossen). Aber auch die familiäre Nähe zwischen Vater, Mutter und dem von Maldoror bis in den Tod gequälten und heimgesuchten Sohn, konkretisiert sich kaum szenisch, wie der finale Kampf des Dichters (als Drache) und seines Geschöpfes als Adler, der ihm das Herz ausreißt, ebenfalls "nur" symbolisch ausgetragen wird.
Doch das Orchester und die Intensität des Sprechens und Singens sagen mehr als jede Aktion. Denn der 33-jährige Philipp Maintz hat eine ungeheuer intensive Musik komponiert, die sehr zart und kammermusikalisch verästelt beginnt, sich in manchen Bildern gewaltig steigert, in nervöse Blechbläserballungen hineinbohrt, um sich plötzlich wieder in einem tiefen Gongschlag zu beruhigen oder gar zu verstummen. Ein ausgedehntes Zwischenspiel zögert den Beginn der letzten Szene (Le combat - Der Kampf) lange hinaus und öffnet einen weiten, sich vielfach verändernden Klangraum, bevor am Ende wunderbare Holzbläser-Kantilenen aus der Tiefe aufsteigen und die Musik einerseits in die Tiefe sinkt und andererseits ins Unendliche entschwebt.
Martin Berner, seit 2005 Ensemblemitglied im coproduzierenden Aachener Theater, ist als Maldoror ein ungemein präzise und sinnlich spielender und singender Bariton. Dagegen bleibt Otto Katzameier (Lautréamont) etwas hinter seinen Möglichkeiten zurück, ist aber in den Ensemble-Szenen mit "La voix de soprano" - grandios gesungen und dargestellt von Marisol Montalvo - sehr präsent.
Diese Partie bildet so etwas wie eine Klammer für das ganze Werk. Am Anfang, der von Ferne an den Uranfang von Wagners "Rheingold" erinnert, besingt der Sopran die Weite des Ozeans, seine Ruhe und seinen Sturm, seine Abgründigkeit und seine Schönheit, später (in Szene 3 und 5) begleitet er die Protagonisten wie ein personifizierter griechischer Chor oder eine "delphische Pythia" (Philipp Maintz) und beschwört am Ende im leise verdämmernden Finale die Transzendenz. Auch der Darsteller des Jungen, Julius Schneider, bewältigte seine Aufgabe zwischen Sprechen und sich stetig wiederholenden Liedfragmenten famos, spielt dabei mit einer Selbstverständlichkeit und Reife wie ein erwachsener Profi.
Das oft solistisch aufgefächerte und relativ klein besetzte Sinfonieorchester Aachen ließ unter seinem Chef Marcus R. Bosch keine Wünsche offen und spielte mit einer staunenswerten Differenziertheit, Farbigkeit, Tiefenschärfe, ja mit einer geradezu berückenden Schönheit.
Nur schade, dass der Rundfunk diese Produktion nicht aufgezeichnet hat.
Klaus Kalchschmid
Weitere Aufführungen am 29. und 30. April in München (Prinzregententheater), sowie ab 8. Mai in Aachen. www.muenchenerbiennale.de