Makropulos

Vom sich dahin schleppenden Leben

Evelyn Herlitzius Foto: Bern Ulig

Donald Runnicles und David Hermann führen mit „Die Sache Makropulos“ den Janáček-Schwerpunkt an der Deutschen Oper Berlin fort
Von Antje Rößler
(Berlin, 19. Februar 2016) Die „Sache Makropulos“ ist ein Rezept für ein Elixier, welches das Leben verlängert. Und dieser Zaubertrank wurde von Emilia Marty ausgiebig genutzt. Die mit ihren 337 Jahren immer noch wunderschöne Operndiva lebt ohne zu altern unter wechselnden Namen, jedoch immer mit Initialen E. M. – als Elina Makropulos, als Elian MacGregor usw. Doch schließlich erkennt sie: Die Unsterblichkeit bringt keine Erfüllung; erst die Endlichkeit des Lebens macht es wertvoll.
Leoš Janáček schrieb seine vorletzte Oper „Die Sache Makropulos“ nach einer Komödie des tschechischen Autors Karel Čapek, der übrigens das Wort „Roboter“ erfunden haben soll. Das 1926 in Brünn uraufgeführte Werk läuft nun in einer Neuproduktion an der Deutschen Oper Berlin, womit Generalmusikdirektor Donald Runnicles den Janácek-Schwerpunkt am Haus fortsetzt.
Regie führte der 38-jährige Deutschfranzose David Hermann, der die Herausforderung der Parallelwelten des Stücks mit Raffinesse meistert. Die ineinander verschlungenen Ebenen von Gegenwart und entschwundener Zeit werden anhand der unterschiedlichen Identitäten der Emilia Marty erkennbar: Es treten fünf Frauen in historischen Kostümen aus verschiedenen Jahrhunderten auf.
Dass es hier um die Tragik des Nicht-Sterben-Könnens geht, ist übrigens ein interessanter Schwenk gegenüber dem zwei Jahre zuvor uraufgeführten „Schlauen Füchslein“ von Janacek, das im Einverständnis mit dem ewigen Kreislauf der Natur endet. In der „Sache Makropulos“ hingegen dominiert der Ekel über das sich eintönig dahin schleppende Leben.
Diese Thematik wird verwoben mit einer makabren Justizposse à la Dürrenmatt: Schon über hundert Jahre dauert der Erbschaftsstreit Prus contra Gregor. Letzterer, inzwischen längst verstorben, war der uneheliche Sohn der Emilia Marty.
Um die zeitlichen Parallelwelten des Stücks zu verdeutlichen, schuf Bühnenbildner Christof Hetzer einen einzigen großen Raum, dessen linke Seite eine düstere holzvertäfelte Stube von anno dazumal zeigt. Rechts hingegen sieht man die weißen Wände und funktionalen Stühle von heute. Dieser Raum wird durch eine imaginäre Wand geteilt; durchlässig nur für Emilia, die so die Schatten der Vergangenheit wahrnehmen kann.
Das Werk steht und fällt mit der Titelrolle der Emilia, um die ein Schwarm balzender Männer kreist. In den Siebziger Jahren, als diese Oper die Bühnen eroberte, wurde die eiskalt-mondäne Anja Silja zur Makropulos-Legende. David Hermann hingegen sieht Emilia Marty nicht als zynischen männermordenden Vamp, sondern als ältliche Frau im braunen Strickkleid, die das Sexuelle aus ihrem Leben verbannt hat.
Die Sopranistin Evelyn Herlitzius geht die Titelpartie so aggressiv und kämpferisch an, als stünde sie unter Strom. All das Verletzlich und Einsame der Emilia verschwindet hinter hysterischen Ausbrüchen mit metallisch gleißender Stimme. Man vermisste bei Herlitzius die lyrischen Zwischentöne.
Derek Welton gibt mit volltönendem Bassbariton einen brutalen, machtgeilen Baron Jaroslav Prus, den Gegenspieler der Emilia Marty. Recht stumpf und angestrengt klingt der Tenor von Ladislav Elgr in der Rolle des kindischen Urenkels der Emilia Marty. Das dramatische Mezzotimbre von Jana Kurucová wiederum wirkt zu üppig, um die zarten Seelenqualen des Marty-Groupies Krista, einer jungen Sängerin, glaubhaft zu machen.
Janáčeks Musik irrlichtert zwischen Spätromantik, Expressionismus und Moderne; Ahnungen von Strauss über Berg bis Weill scheinen auf. Bei der Premiere am Freitag entlockte Donald Runnicles dem Orchester der Deutschen Oper die entsprechenden Licht- und Stimmungswechsel. Durch das kontrastreiche, grell gezeichnete Spiel kam der Montagecharakter der Partitur bestens zur Geltung. Mal brodelt und stampft die Musik ekstatisch; dann wieder blühen opulente Momente auf. Die Unruhe der Musik rührt auch daher, dass der Komponist fortwährend die Perspektive zwischen distanzierter Schilderung und empathischer Psychologisierung wechselt.
Dirigent und Regisseur sind sich darin einig, die witzigen Momente nicht weiter auszukosten. Sogar der senile Graf und einstige Operettentenor Hauk-Šendorf (mit majestätischem Tenor: Robert Gambill) ist hier trotz seines Clown-Kostüms eine durch und durch tragische Figur.
Am Ende gibt es warmen Applaus; begleitet von wenigen, durchaus nicht angemessenen Buhrufen für die Regie.
Weitere Vorstellungen am 25. Februar, 27. April und 30. April jeweils um 19:30 Uhr sowie am 28. Februar um 18 Uhr.



Münchner Philharmoniker


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