Mahler Zweite Jansons (Kopie 3)

Frömmelnde Hybris

Foto: BR/Astrid Ackermann

Die BR-Symphoniker mit Mahlers Zweiter unter Mariss Jansons
(München, 13. Mai 2011) Zwei Mahler-Symphonien innerhalb von nur einer Woche zu spielen, darunter die ausufernde Zweite mit zwei Gesangsolisten, Chor, Kirchenglocken und einem aus allen Nähten platzenden Riesenorchester, das ist auch für die Profis des Symphonieorchester des BR samt ihrem wieder in Topform befindlichen Chefdirigenten Mariss Jansons eine herkuleische Aufgabe. Eigentlich sollte die Zweite Mahler schon zu Beginn dieser Spielzeit zu hören gewesen sein. Damals musste Jansons jedoch krankheitsbedingt absagen. Jetzt also wurde die Aufführung nachgeholt, eine Woche nach der phänomenalen Wiedergabe der Sechsten.

Doch trotz des jederzeit spürbaren Willens zur Spitzenleistung – zusätzlich angespornt durch zahlreiche Fernsehkameras – wurde schon im ersten Satz klar, dass Jansons der kunstreligiös apotheotische Gehalt dieses Werks nicht ganz so nahe liegt wie die Tragik und der groteske Sarkasmus der Sechsten. Jansons stellte die sinnsuchende Heterogenität des Allegros mit viel Hingabe zum Detail mehr aus als er sie identifikatorisch nacherzählte, nachempfand. Das führte dazu, dass der Fluss der Erzählung mitunter ins Stocken geriet, man die kompositorische Faktur der Symphonie mehr bestaunte als man ihre innere Dramatik nachvollzog. Auch glaubte Jansons Sorgfalt durch Langsamkeit zu erreichen, ließ oft sehr breit musizieren, wo mehr Tempo, mehr Vorwärtsbewegung angebracht gewesen wären.
Galant tänzelte er zu den Walzermelodien des zweiten Satzes – durchaus telegen – auf dem Podest, blieb die Untergründigkeit, Doppelbödigkeit, auch Unheimlichkeit aber etwas schuldig.

Erst im Scherzo, das wieder Ironie, Sarkasmus und Groteske fordert in der Darstellung der Vergeblichkeit menschlicher Betriebsamkeit war wieder jene Überzeugungskraft und Dringlichkeit zu hören, mit der Jansons die Sechste so herausragend interpretierte.
Der Schlusssatz geriet vor allem zu einem Überwältigungsfanal – und was sollte es auch anderes sein? Man kann die Zeitgenossen Mahlers verstehen, die vom "lärmenden Chaos" dieser Musik – sagen wir es vorsichtig – befremdet waren. Der Kontrast zwischen naiver Frömmelei im sog. "Urlicht" (eher straight als emphatisch: Bernarda Fink) und den apotheotischen Übersteigerungen im Superfortissimo lässt sich kaum größer denken. Wer dem Komponisten hier in jedem Takt dieses hybriden symphonischen Kolosses identifikatorisch zu folgen vermag, darf sich glücklich schätzen – den anderen bleibt Staunen oder Kopfschütteln oder Applaudieren.
Applaus gab es jedenfalls reichlich nach geschlagener Schlacht auch für die wunderbare Anja Harteros und den nicht minder beeindruckenden Chor (Einstudierung Michael Gläser). Der hatte zu Beginn einen sehr wirkungsvollen Soloauftritt in der bewegenden Bearbeitung des Mahler-Lieds "Ich bin der Welt abhanden gekommen" für 16stimmigen gemischten Chor von Clytus Gottwald.

Robert Jungwirth

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