Mahler mit Gerhaher

Verschiedene Arten Abschied

Am Geburtstag von Gustav Mahler sang Christian Gerhaher ein Gedenkkonzert mit Liedern des Komponisten im Bayerischen Rundfunk
(München, 7. Juli 2010) Ein ganzes Mahler-Gedenkjahr liegt vor uns. Denn bis zum 100. Todestag am 18. Mai 2011 wird es Zyklen der Symphonien (nicht nur) bei den Münchner Philharmonikern und dem Symphonieorchester des BR geben, dazu Rundfunksendungen und Symposien. Ein gewichtiges Mahler-Handbuch ist bei Metzler/Bärenreiter erschienen, umfangreiche Boxen mit dem Gesamtwerk auf CD bei EMI und Deutsche Grammophon sowie zahlreiche Einzelveröffentlichungen von Symphonien und Liedern.
Auch Christian Gerhaher hat letztes Jahr, exzellent begleitet von Gerold Huber eine bemerkenswerte Mahler-Platte bei RCA veröffentlicht, nun sang er exakt am 150. Geburtstag zu Ehren von Gustav Mahler im Studio 1 des Bayerischen Rundfunks ein höchst anspruchsvolles Programm. Es wurde von zwei Teilen aus dem "Lied von der Erde" gerahmt: "Der Einsame im Herbst" und dem "Abschied". Zu Beginn klang die Klavierbegleitung Gerold Hubers nicht nur etwas gewöhnungsbedürftig, sondern geradezu holprig, war auch der leicht gesundheitlich angeschlagene Bariton noch nicht ganz freigesungen. Doch der halbstündige "Abschied" geriet dem Duo am Ende auch zum Höhepunkt des Abends. In dieser Essenz des Mahlerschen Lebens und Werks kristallisierte sich bei Gerhaher eine tiefempfundene, teils verinnerlichte, teils gleichsam in die Welt hinausgesungene Sehnsucht heraus. Wer immer das mit dem unverwechselbaren, hellen, obertonreichen Timbre Gerhahers – vor allem in der Höhe und im feinen piano! – und in seiner Gestaltung gehört hat, sinniert nicht mehr, ob besser ein Mezzosopran oder ein Bariton diese Lieder singen sollte. Auch eine neue Aufnahme mit dem Orchestre Symphonique de Montréal unter Nagano offenbart, wie Gerhaher Text und Musik immer die gleiche Aufmerksamkeit widmet und daraus eine glückliche Synthese erzielt.

Beim ebenso verzweifelten wie männlich aggressiven Soldatenton von "Revelge" und "Der Tambours’gsell" tat der Bariton alles, um irgendwelche sentimentale Militärromantik, die Fischer-Dieskau hier durchaus andeutete, zu verhindern. Also klingt es fast rüde, übersteuert im Klang und trotzig, wenn da vom Alltag eines Tambours in der Kaserne gesungen wird ("Revelge"), der schließlich als Deserteur ("Tamboursg’sell") am Galgen endet: "Ich schrei‘ mit heller Stimm‘: von euch ich Urlaub nimm! Gute Nacht! Gute Nacht!"
Auf CD wie im Konzert waren und sind die fünf Rückertlieder ebenfalls fein schimmernde Perlen, ob das in die geradezu verrückte Emphase gesungene "Um Mitternacht" oder das finale "Ich bin der Welt abhanden gekommen", das schon den "Abschied" ergreifend vorwegnimmt. Gerhaher gelingt damit vor der Pause ein leises Zauberstück, nachdem man still nach Hause gehen möchte. Um dort die in den letzten Winkel ausgeleuchteten, enorm differenziert, berückend schön gesungenen und enorm farbig auch von Gerold Huber gestalteten "Lieder eines fahrenden Gesellen" zu hören. Dazu zehn Wunderhorn-Lieder und am Ende das "Urlicht", auch dies ein Abschied, jetzt jedoch vom Leben in christlicher Heilsgewissheit.

Klaus Kalchschmid

Am 15. Juli (16 Uhr) singt Christian Gerhaher Gustav Mahlers "Lieder eines fahrenden Gesellen" in der Fassung für Kammerorchester von Arnold Schönberg innerhalb der Öffentlichen Jahressitzung der Bayerischen Akademie der Schönen Künste in der Münchner Residenz (Max-Joseph-Platz 3). Freier Eintritt  

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