Mahler Achte Jansons

Griff nach den Sternen

Symphonie der Tausend Foto: BR

Mahlers Achte Symphonie im Müncher Gasteig mit dem Symphonieorchester des BR und mehreren Chören unter der Leitung von Mariss Jansons
 
(München, 14. Oktober 2011) Gustav Mahlers Symphonie der Tausend, seine achte, ist nach wie vor ein außergewöhnliches Ereignis. Ist es nicht beruhigend, dass es im Zeitalter der digitalen 3D-Realitäten noch ein analoges Ereignis gibt, das so und nur so funktioniert und gerade deshalb in den Menschen Ehrfurcht, Erwartung und die Verheißung einer geradezu übersinnlichen Erfahrung weckt?
 
Der Run auf die Karten der Aufführungen der Achten in der Philharmonie im Gasteig in München mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter der Leitung seines Chefdirigenten Mariss Jansons war doch ein deutliches Zeichen dafür, dass so viele Menschen mehr brauchen als die knallharte, im äußersten Fall mit Zahlenfolgen und Datenströmen belegbare Realität. Mahler selbst glaubte zutiefst an die "Größe" seiner 1906 begonnen Komposition und wusste um ihre Qualität des Un(be)greifbaren: "Eine moderne Komposition besteht nicht aus Themen und dergleichen – ebensogut könnten Sie um einen Menschen zu schildern einige seiner typischen Zellen (…) beschreiben",  schrieb er vor der Uraufführung in München 1910 an seinen Verleger Emil Gutman, mit dem Ziel, aus seiner Sicht überflüssige Kommentare zu seinem Werk zu verhindern.
 
Und tatsächlich ist es das Wesen großer Kompositionen, dass sie in ihrer Wirkung das Detail vergessen machen, das ihnen ja erst diese Wirkung ermöglicht. Hinter dem großen Wurf steht die minuziöse Arbeit im Einzelnen, die genaue Kenntnis der musikalischen Formensprache und ihre Beherrschung, der Gebrauch von Konventionen und der Verstoß dagegen, die Kenntnis der bekannten Pfade und das Gespür für genau die Abzweigungen, die dann in die ungeahnten Höhen führen. Monteverdis Marienvesper ist aus diesem Stoff, Bachs h-Moll-Messe und Passionen, die Opern von Mozart, Verdi und Strauss, die Symphonien von Haydn und Beethoven – und eben Mahlers Achte.
 
Dieses Mal erwies sich die viel geschmähte Philharmonie im Gasteig als idealer Aufführungsort. Nun war der Riesensaal einmal gerade richtig für die Wucht, die von den über 300 Musikerinnen und Musikern auf dem Podium gegen seine Mauern anbrandete. Räumliche Weite und doch trockene Akustik. Erhaben und transparent zugleich klang der Musik-Koloss, ein Klangrauschmittel, das seine Aromen auch einzeln zum Genuss darbot.  
 
Angesichts dieser Münchner Aufführung unter Jansons kann man die Ängste um so besser verstehen, die Mahler vor der von ihm selbst geleiteten Uraufführung, ebenfalls in dieser Stadt, plagten. Mahler war in erster Linie Dirigent und er wusste, welche Schwierigkeiten der Komponist Mahler einem Dirigenten und den Musikern in die gewaltige Partitur hinein geschrieben hatte. Damals mussten über eintausend Musiker perfekt zusammenarbeiten, davon allerdings über 800 Choristen. Selbst bei mehr als 300, wie am vergangenen Freitag und Donnerstag, ist alleine die physische Distanz zwischen dem Dirigenten und den Musikern gewaltig. Klein wie ein Bleistiftmännchen wirkte Jansons gegenüber der gewaltigen Phalanx der Musikmachenden, die das vergrößerte Podium bis zum letzten Platz ausfüllte.
 
Dieses Werk verträgt keine Zimperlichkeit. Der Dirigent muss durchgreifen, sein Arm muss weit reichen, bis zu den Choristen in der letzten Reihe und den Kollegen vom Fernorchester auf den Balkonen. Und gleichzeitig fordert es die sensible Hand, die dem Klang Fülle gibt, Details fein zeichnet und ihn strahlen lässt. Eine Sache ausschließlich für Profis.
Im Gasteig herrschte kein Mangel. Das phänomenale Orchester gab zu verstehen, warum es zu den besten der Welt gezählt wird. Die Chöre – der des Bayerischen Rundfunks, der Lettische Staatschor und der Tölzer Knabenchor – artikulierten ihre Texte auf Latein und Deutsch mit beeindruckender Wucht und Klarheit; die Solisten, ein erlesenes Oktett aus Twyla Robinson, Christine Brewer und Anna Prohaska, Sopran, Janina Baechle und Mihiko Fujimura, Mezzo, Johan Botha, Tenor, Michael Volle Bariton und Ain Anger, Bass, scheute sich nicht, seine Künste in die Gefilde der Ekstase zu treiben. Solch eine Namensliste mag wie schierer Luxus erscheinen. Aber die Ohren erlaubten keinen Zweifel: diese Leute braucht man hier.
 
Ganz dezent schien Jansons die Herkulesarbeit zu leisten, Ordnung in diesem prallgefüllten Haus zu halten, tiefe Perspektiven in die Welt des Mahler-Klangs zu öffnen und dann alles immer wieder zu einer kontrollierten Explosion zu bringen. Die Proben müssen überaus präzise gewesen sein, Hektik konnte und wollte er sich nicht leisten. Wie die Musiker an den Zeichen seines Taktstocks hingen, das spricht für das Charisma dieses Mannes und seine Erfahrung, die ihn in Momenten wie diesem unerschütterlich machen. Gewisse Längen im zweiten Teil konnten die großartigen Musiker allerdings nicht vermeiden, sie waren dann aber im Klangrausch der Schlusschöre wieder vergessen.
 Was bleibt, ist das Gefühl, einem Komponisten beim Griff nach den Sternen gelauscht zu haben. Und, das Gehörte überdenkend, möchte man meinen, dass es ihm gelungen ist.
 
Laszlo Molnar
 
 
 
 
 

0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.