Magdalena Kozená mit Barockarien in Köln

Frauen, die über Leichen gehen

Magdalena Kozená singt Barockes mit dem Collegium 1704 in Köln

Von Christoph Zimmermann

(Köln, 15. September 2018) Es standen bei dem mit „Il giardino die sospiri“ („Der Garten der Seufzer“) überschriebenen Konzert nicht gerade Szenen von Heiterkeit zu erwarten. Die Kantaten und ähnliche Genrestücke, die Magdalena Kozená mit dem Collegium 1704 unter Václav Luks bot, ließen Tristesse-Stimmung bereits an ihren Titeln ablesen. Das „abbandonata“ galt beispielsweise für historische Frauenfiguren wie Georg Friedrich Händels Armida („Dietro l’orme fugaci“´, HWV 105), Benedetto Marcellos Arianna und Domenico Natale Sarros „Didone“-Oper, aus der freilich nur die Introduzione zu hören war.

Wie ersichtlich, erlebte man ein von weiblichen Figuren dominiertes Programm, was durchaus besonders ist. In der gesellschaftlichen Rangordnung des Barockzeitalters nahmen Frauen nämlich in der Regel nur einen bescheidenen Platz ein. Im Rahmen musikalischer Werke, der Oper zumal, wurden sie freilich fast im Übermaß adoriert, was auch mit ihrer Funktion als Lustobjekt zusammenhängen dürfte.

Der Aufschwung des Countergesangs in unseren Tagen erinnert an das Blühen des Kastraten(un)wesen früherer Jahrhunderte, welches von Seiten der Kirche besonders gefördert wurde. Doch musikalisch aufgeschlossene weltliche Fürsten opponierten dagegen, für sie war der „Frauenersatz“ einfach zu wenig. Sie bevorzugten eine klare geschlechtliche Identität, zumal der weiblichen Stimme immer besondere vokale Ausdrucksreize vorbehalten blieben. Kurzum: auf der Bühne und im Konzertsaal blieb weiblicher Gesang unangefochten bestehen. Triumph und Trauer, Freude und Wehklagen waren die dominierenden Gefühlskontraste in den Schicksalen der Frauen, die ihre biographischen Wurzeln fast alle in der Antike hatten.

Zur Charakterisierung reizten vor allem perfide Charaktere wie Agrippina, die Gattin des römischen Kaisers Claudius, die keiner Schandtat auswich, um ihrem Sohn aus erster Ehe, Nero, auf den Thron zu verhelfen. Die Ouvertüre zu Händels Oper, wie Vorspiele bei anderen Komponisten etwas schematisch angelegt, verrät noch kaum etwas über die Sex- and-Crime-Handlung. Allerding tat Václav Luks alles, um dramatische Spannung zu schüren. Luks, als Cembalist und Hornist ausgebildet sowie musikwissenschaftlich tätig, ist ein überaus vibrierender Dirigent, bei welchem man mitunter an Teodor Currentzis denken mag. Man spürte bei Luks, dass er keine „Show“ abzieht, sondern dass die Musik in ihm lebt, gärt und ihn aufwühlt. Das führt dann halt zu einer explosiven (und nota bene anstachelnden) Gestik wie der seinen.

Der Name des Ensembles (Collegium 1704) bezieht sich auf die Premiere von Jan Dismas Zelenkas Jesuitenspiel „Via Laureata“, mit welchem sich der Komponist in der europäischen Musikszene zu etablieren vermochte. Der Klangkörper, zunächst etwas anonym als Kammerorchester der Prager Musikhochschule arbeitend, wurde von Luks 2005 zum heutigen Präzisionsinstrument geformt; angeschlossen ist – ähnlich wie beim Collegium Musicale Gent – ein Chor.

Eine Megäre wie Agrippina ist auch Atalia, Herrscherin in Jerusalem, gleichfalls über Leichen gehend, freilich in ganz und gar eigener Sache. Zweifel und Qualen bleiben ihr auf diesem gefährlichen Weg freilich nicht erspart, wovon in Francesco Gasparinis Oratorium von 1692 Rezitativ und Arie „Ombre, cure, sospetti“/“Terrori d’Averno“ künden. Die geforderten Koloraturen meisterte Magdalena Kozená mit Leichtigkeit und Bravour, bot sie aber nicht als lediglich musikalisch-virtuose Floskeln, sondern als Ausdruck innerer Befindlichkeit. Die breite vokale Palette der Sängerin bewies sich auch in Leonardo Leos Dur-geprägter Kantate „Angelica e Medoro“, welche bereits in klassische Ausdrucksbereiche vorausweist. Im Umfeld der sonstigen lamentoschweren Werke bestach die von leichter Koketterie belebte Interpretation Magdalena Kozenás besonders.

Ansonsten beeindruckte die bis in Sopranhöhen hinein klangvoll strömende Stimme, welche Händels Armida und Benedetto Marcellos Arianna überzeugende Umrisse gab. Den Schmerz von Händels Ero, an der Leiche ihres Geliebten Leandro knieend, welcher den gefährlichen Weg zu ihr durch Meereswellen diesmal nicht schaffte, ließ die Mezzosopranistin geradezu beklemmend spüren. Interessanterweise endet diese Kantate („Qual ti riveggio“, HWV 150) mit einem Rezitativ, welches sich zuletzt fast in Unhörbarkeit auflöst.

Leonardo Vincis Sinfonia zum Oratorium „Maria dolorata“ und Sarros „Didone“-Introduzione zäsierten wie Händels „Agrippina“-Sinfonia instrumental das Konzert, nach welchem das Publikum alle Ausführenden über die Maßen feierte. Nicht unerwähnt bleiben sollte die raffinierte Robe der Sängerin: schwarzer Chiffon, bestickt mit Blumengirlanden in rot und weiß.

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