MacMillan

Was auf die Ohren

Daniel Hope

Der schottische Komponist und Dirigent James MacMillan führt sich selbst sowie Gabrieli und Britten mit den Münchner Philharmonikern auf
(München, 14. Dezember 2007) Da hätte es mal die Gelegenheit gegeben, aus der so viel gescholtenen Akustik der Münchner Gasteig-Philharmonie eine Tugend zu machen und mit im Raum verteilten Musikern aus Gabrielis Bläser-Kanzonen und -Sonaten ein veritables Raumklangerlebnis zu gestalten – dann stehen die Bläser sich auf der Bühne in je Vierer-, Fünfer- oder Siebener-Gruppen im Abstand von nur wenigen Metern gegenüber. Schade und unverständlich, weil der schottische Dirigent und Komponist James MacMillan für seine eigene Symphonie „Vigil“ im zweiten Teil des Konzerts genau eine solche Verteilung der Musiker im Raum verwendete.
Wie auch immer, die Bläser der Münchner Philharmoniker spielten die Kanzonen und Sonaten mit berückender Klanglichkeit atmender Diktion. Eine weihnachtliche Intrada, die zwar nicht ins Programm, dafür aber sehr zur Weihnachtszeit passte.
Denn mit Feierlichkeit hat Brittens nachfolgendes Violinkonzert nun überhaupt nichts zu tun. Brittens Werk ist unter dem unmittelbaren Eindruck des spanischen Bürgerkriegs und beginnenden Zweiten Weltkriegs entstanden ist, voll von Melancholie und Trauer. Der phantastische Geiger Daniel Hope sorgte für eine von glühender Intensität durchdrungene Wiedergabe. Dabei ist Hopes Geigenton eher schlank als füllig, mehr sachlich als blühend. Aber gerade diese schnörkellose Art von Hopes Spiel war es, die in ihrer Geradlinigkeit zu Herzen ging und die Zuhörer schier den Atem anhalten ließ. Vor allem in den Passagen, in denen das Orchester ausdünnt und die Violine in einen zwischen Verlorenheit und Selbstbehauptung schwebenden Dialog mit der Pauke oder den Flöten tritt, entstand eine ungeheuere Spannung und Tiefe.
Auch MacMillan traf in diesem Werk zusammen mit den Philharmonikern den richtigen Ton, unterstützte die Solovioline sorgsam und einfühlsam.

Wie anders der Klangeindruck nach der Pause in MacMillans ominöser Symphonie „Vigil“, dem letzten Teil eines 1997 entstandenen Orchestertriptychons mit dem Titel „Triduum“. MacMillan, der in England häufig und sehr erfolgreich aufgeführt wird, ist hierzulande kaum bekannt. Dabei ist seine Musik durchaus darauf angelegt, Eindruck zu machen. Plakativ, filmmusikalisch klingt sie, mit einer auf Klangüberwältigung abzielenden Orchesterbehandlung. In dem religiös motivierten Stück „Vigil“ dringt auch immer wieder Kirchenmusikalisches durch. Doch die Partitur ist von einem enervierenden Hang zum Kontrastiven geprägt und in Aufbau und Verlauf zu wenig konzise als dass man davon nachhaltig beeindruckt sein könnte. Mehr als eine mitunter brachiale Klangwucht, die sich immer wieder abwechselt mit absurd zarten Flageoletts oder Puppenspieltönen aus der Celesta, ist hier nicht zu konstatieren. Vor allem die Bläser fordert MacMillan bis zum Äußersten (Teile davon im Raum verteilt).
Allein der Ertrag der Übung bleibt dürftig. Nach langen ca. 50 Minuten wurden einem zwar die Ohren ordentlich durchgeblasen. Einen Zugewinn an künstlerischer Erfahrung trägt man jedoch nicht unbedingt davon.

Robert Jungwirth

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