Macerata

Regie bleibt bei ihren Opernleisten

Breitwandbühne als historische Kulisse Foto: Macerata Festival

Machtspiele in Macerata: Blutige Ladies, buddhistische Druiden und – am Horizont – Jochanaans Kopf
(Macerata, August 2007) „Il gioco dei potenti“, „Das Spiel der Mächtigen“, ist gewiß eine griffige dramaturgische Formel für ein Festival. Pier Luigi Pizzi, der Intendant des Sferisterio Opera Festival von Macerata, hat seine zweite Saison unter dieses Motto gestellt und – neben einigen kleineren Veranstaltungen im Teatro Lauro Rossi in der Arena sferisterio Donizettis Maria Stuarda, Vincenzo Bellinis Norma und Giuseppe Verdis Macbeth angesetzt.
Das Macerata Festival hat in seiner mehr als vierzigjährigen Geschichte einige Krisen erlebt. Die letzte begann im Herbst 2005, als Katia Ricciarelli nach kurzer Regentschaft zum Rücktritt gezwungen wurde. Ihr folgte Pizzi, von dem man zuerst den Eindruck hatte, er gäbe seinen guten Namen für ein Festival her, dem er in den Jahren zuvor immer enger verbunden gewesen war. Ricciarelli hatte mit wechselndem Erfolg versucht, das Festival durch die Programmierung weniger gängiger Opern für ein internationales Publikum interessant zu machen. Pier Luigi Pizzi geht einen anderen Weg: Er setzt auf populäre Werke. Und der Erfolg scheint ihm recht zu geben: So voll wie bei den beiden besuchten Vorstellungen habe ich die Arena schon lange nicht mehr gesehen.
Dabei ist die Suche nach übergreifenden Programmstrukturen alles andere als Opportunismus „Für mich muss ein Festival eine Leitidee haben“, erklärt Pizzi. „Ich mag es nicht, wenn Programme zufällig zusammengewürfelt sind und man populäre Stücke nur spielt, um die Kassen zu füllen.“ Schön, wenn die Kassen sich dennoch füllen. Nächstes Jahr steht die „Verführung“ (La seduzione) auf dem Programm, von Carmen über Manon Lescaut bis Salome.
Das „Spiel der Mächtigen“ und das „Spiel um die Macht“, gab es das nicht auch beim Rossini-Festival in Pesaro mit Otello und La gazza ladra? In Rossinis Otello geht es nicht um Rassismus, sondern um Macht, Aufstieg, Karriere. Und der Bösewicht Gottardo mißbraucht in der Gazza ladra seine Machtstellung als podestà (Dorfvorsteher), um sich ein Mädchen gefügig zu machen. Und als das nicht gelingt, läßt er ein Terrorurteil fällen, und die brave Ninetta wird wegen des Diebstahl eines Silberlöffels zum Tod verurteilt. Das könnte sich heute in jedem Supermarkt abspielen, in dem es keine Gewerkschaft gibt.
Solch gewagte Parallelen würde natürlich ein italienischer Opernregisseur nie ziehen. Beim Sferisterio Opera Festival in Macerata bewegt man sich daher auf doppelt festem Opernboden: Man kennt die Opern und die Regie bleibt bei ihren Opernleisten. Wie im Vorjahr gibt es auf der 100 m breiten Bühne des klassizistischen Ballspielraums – die Arena wurde zu Beginn des 19. Jahrhunderts von den Macerateser Bürgern für ein damals beliebtes Ballspiel, das sfera, errichtet – für die drei Opern eine einheitliche Grundszenerie, die durch ein markantes zentrales Bühnenelement variiert wird, das auf die jeweilige Oper Bezug nimmt. Beim von Pier Luigi Pizzi inszenierten „Macbeth“ ist das ein roter Königstuhl. An den fernen Osten gemahnende Kostüme in Rot und Schwarz – auch die Hexen sind in diese Farben gekleidet – sorgen für ein spannend anzusehendes Bühnengeschen, das allerdings unter der sängerisch unausgeglichenen Besetzung leidet. Man weiß, daß Verdi für die Lady Macbeth keine „schöne“ Stimme wollte, sondern daß ihm die Wahrheit des vokalen Ausdrucks am Herzen lag. Aber eine derartige Schleuderfahrt durch die Höhen und Tiefen der Intonation, wie sie Olha Zhuravel vollführte, hatte er wohl nicht im Ohr. Allerdings macht die dreißigjährige Ukrainerin vieles durch ihre bestechende Bühnenpräsenz wett. Giuseppe Altomare ist ein verläßlicher Macbeth, der sich in seiner letzte Arie zu kontrollierter Ausdruckskraft emporschwingt; auch die Rollen des Banco (Pavel Kudinov) und des Macduff (Rubens Pelizzari) sind gut besetzt. Und Daniele Callegari sorgt am Pult des Orchestra Regionale delle Marche für einen temporeichen Verdiklang.
Bei Vincenzo Bellinis „Norma“ liegen die Probleme in der umgekehrten Richtung. Die Regie Massimo Gasparons ist voller Klischees (inklusive der nur schwer nachvollziehbaren Idee, die gallischen Druiden in tibetanische Mönchsgewänder zu stecken, die Römer aber in ihre üblichen Mini-Waffenröcke). Dafür sind die beiden großen Frauenrollen mit Dimitra Theodossiou (Norma), die von der Regie allerdings zu sehr ins Heroineneck gedrängt wird, und insbesondere mit Daniela Barcellona (Adalgisa) ganz groß besetzt; auch der stämmige Carlo Ventre muß sich als römischer Feldherr Pollione nicht verstecken. Der Dirigent Paolo Arrivabene verspricht in der Ouvertüre mehr Feuer, als er über die gesamte Oper hinweg zu entfachen vermag.
Wie wird es in Macerata weitergehen? Der 77jährige Intendant Pierluigi Pizzi wirkt gar nicht amtsmüde. An dem als zweijähriges Zwischenspiel geplanten Ausflug in die Marken hat er, scheint es, so viel Gefallen gefunden, daß er auf jeden Fall im nächsten Jahr weitermacht. Über weitere Pläne schweigt er sich aus. „Er ist so voller Energie“, sagt sein Pressesprecher, „daß er den Eindruck vermittelt, er könnte noch zwanzig Jahre so weitermachen.“
Federico Bettazi

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