Ma Vlast

CD der Woche

Bedřich Smetana: „Ma Vlast – Mein Vaterland“. Jakub Hrůša und die Bamberger Symphoniker. SACD. Tudor
Auch wenn vollständige Aufführungen von Bedřich Smetanas Ma Vlast – Mein Vaterland im Konzert immer noch selten sind, gibt es genügend Referenz-Aufnahmen; allein  drei verschiedene unter Leitung von Rafael Kubelik – aus dem Jahr 1959 mit den Wiener Philharmoniker, den BR-Symphoniker von 1988, sowie live 1990 mit der Tschechischen Philharmonie. Jakub Hrůša hat 2010 einen Livemitschnitt mit den Prager Philharmonikern vorgelegt, aber seine erste Aufnahme als neuer Chef der Bamberger Symphoniker (2015/16 in Bamberg eingespielt) ist kaum zu überbieten: musikalisch ungemein reif, aufregend oszillierend in den leuchtendsten Farben und nicht zuletzt als SACD in Durchsichtigkeit und Klangqualität überragend.
Sechs Teile hat der Zyklus symphonischer Dichtungen, von denen schon Farbigkeit, Melodienseligkeit und Ernst des ersten – und längsten – Teils überwältigen. Er ist der der hoch über Prag thronenden Burg auf dem Vyšehrad gewidmet, den heute eine immer wieder umgebaute majestätische Kirche mit zwei Türmen dominiert. Das Harfensolo, mit dem der Zyklus beginnt – und im letzten Teil wieder zitiert wird, erinnert an den mythischen Harfner Lumir aus vorchristlicher Zeit und klingt hier auch wie eine Verheißung aus goldenen Zeiten. Die folgende Moldau glitzert und schäumt, fließt mal langsam, mal wie durch Stromschnellen als hätte man sie noch niemals gehört, während Šarka (ein tschechischer Penthesilea-Mythos) dramatisch zugespitzt die grausame Geschichte einer Frau erzählt, die ihren Geliebten in eine tödliche Falle lockt. Und da zieht Hrůša mit seinem wunderbaren Orchester alle Register einer ungemein plastischen Tondichtung.
Aus Böhmens Hain und Flur schildert ungemein facettenreich naturverbundenes Leben, während Tábor (mit seinen schneidend stampfenden Blechbläser-Akkorden) und Blanik die (Hussiten-)Bewegung um den tschechischen Freiheitskämpfer Hus feiern. Man muss nicht alle Details kennen, um in Hrůsas eminent leuchtkräftiger, rhythmisch geschärfter Interpretation mit den großartigen Bamberger Symphonikern – 1946 als Exilorchester Prager Musiker mit Joseph Keilberth als Chedirigent gegründet – beständig schillernde Bilder vor dem inneren Auge vorbeiziehen zu sehen. Und wenn nach 80 Minuten alles vorbei ist, geht der mittlerweile süchtig gewordene Hörer gleich wieder zur Starttaste!
Klaus Kalchschmid

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