Lustige Witwe in Rom

Geld und Liebe

Damiano Michieletto brachte Franz Lehars „Lustige Witwe“ an der Staatsoper Rom heraus

Von Thomas Migge

(Rom, April 2019) Das musikalische Genre Operette ist heute an Opernhäuser eher ein Randphänomen. „Wiener Blut“ und „Die lustige Witwe“ werden dann und wann an Silvesterabenden aufgeführt, aber damit hat es sich in der Regel auch schon. Die beste Zeit der Operette scheint vorbei zu sein. So verwundert es, dass ausgerechnet in Rom, an der Staatsoper, jetzt eine Operette aufgeführt und auch noch zu einem großen Erfolg wurde. Und das in einer Stadt und auch in einem Land, wo die Operette, wie auch das Musical, nie so richtig Fuß fassen konnten.

Umso mutiger die Entscheidung von Intendant Carlo Fuortes, in Zusammenarbeit mit dem La Fenice in Venedig, Franz Lehars „Die lustige Witwe“ auf die Bühne zu bringen. Nicht mit einer hausbackenen oder einfach nur heiteren Inszenierung, sondern mit Hilfe eines der interessantesten und umstrittensten Regisseure Italiens.

Damiano Michieletto, der nicht selten Inszenierungen bietet, die mit dem Libretto nur wenig zu tun haben, wie etwa Rossinis „Viaggio a Reims“ in der vergangenen Saison an der Staatsoper Rom, hielt sich bei Lehar genau an die Vorgaben des Textes. Die Handlung siedelte er in den italienischen 1950er Jahren an. Allerdings mit einem witzig-provokativen LGBT-Touch bei den Tanzeinlagen mit Transvestiten. Der Regisseur verlegte die Handlung in die Räumlichkeiten einer Bank. In seiner Interpretation der Operette geht es vor allem um Geld und Liebe. Mit dem Libretto gibt es da keine Schwierigkeiten. Eine Interpretation, die funktionierte.

Michielettos Inszenierung und die spritzige musikalische Interpretation des Dirigenten Constantin Trinks, der sich in Deutschland u.a. in München einen Namen machen konnte, machen aus der Operette fast schon ein Musical: die Handlung fliegt nur so dahin, alles wirkt witzig, frech, mit dem richtigen Maß an emotionalem Tiefgang. So wirkt Operette ganz und gar nicht angestaubt oder langweilig. Eine solche Regie und ein solches Dirigat machen deutlich, wie sehr das Genre Operette bei der Entstehung des Musicals Pate stand.

Die Besetzung hätte nicht besser sein können. Die Sänger waren allesamt gute Schauspieler und auch Tänzer. Anthony Michaels-Moore als Baron Mirko Zeta, Adriana Ferfecka als Valencienne und Nadja Mchantaf als Hanna Glawari wie auch alle anderen Sänger boten kräftige und geschmeidige Stimmen, auch wenn es bei vielen mit der deutschen Aussprache ein wenig haperte.

Die Vorstellungen, auch das war eine Überraschung, waren fast alle ausverkauft. Das Publikum war begeistert von der musikalischen Interpretation und der Regie. Intendant Fuortes war es wieder einmal gelungen, in Rom wirklich etwas Neues zu bieten. Dass es bei der Premiere einige wenige aber dafür sehr laute Buh-Rufer gab, gegen die Regie, fällt angesichts des großen Erfolges dieser Inszenierung nicht ins Gewicht.

Werbung

1 Antwort
  1. Ekkehard Pluta
    Ekkehard Pluta says:

    Dass die Operette in Italien nie richtig Fuß fassen konnte, ist nicht zutreffend. Sie hatte bis in die 70er Jahre einen festen Platz im Repertoire der Opernhäuser. Die RAI produzierte Anfang der 60er Jahre unter dem Titel „Principesse, violini e champagne“ eine sechsteilige sehr informative und künstlerisch niveauvolle Fernsehserie, in der Gesangsgrößen wie Giuseppe di Stefano, Franco Corelli, Virginia Zeani und Giuseppe Campora von der Partie waren. Nachzusehen auf youtube. Warner veröffentlichte auf CD italienische Operettenquerschnitte der Firma Fonit-Cetra. Alles in italienischer Sprache gesungen, darunter Stücke wie „Dreimäderlhaus“ oder „Im weißen Rössl“. Es gab aber auch, was bei uns weniger bekannt ist, zu Lehars Zeiten eine eigenständige italienische Operettenkultur. Titel wie „Scugnizza“ (Costa), “L’acqua cheta” (Pietri), “Cin-ci-là! (Lombardo/ Ranzato) und vor allem “Il paese dei campanelli” (Lombardo/Ranzato) sind da an erster Stelle zu nennen.

    Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.