Lunea von Holliger in Zürich uraufgeführt

Im Kopf des Dichters

Die Uraufführung von Heinz Holligers großartiger Lenau-Oper „Lunea“ mit Christian Gerhaher in Zürich

Von Klaus Kalchschmid

(Zürich, 4. März 2018) Was für ein magischer, leerer, schwarzer Raum – aus der Guckkastenbühne ausgeschnitten: ein Lichquadrat auf dem Boden, eine Ahnung davon als hintere Begrenzung. Bis zur Spiegelachse beim Wort „Feuer/Reue(r)“ in der Mitte der „Lenau-Szenen in 23 Lebensblätter“ von Heinz Holliger auf den enorm dichterisch verdichteten Text von Händl Klaus fährt zur Trennung der Szenen eine schwarze Wand immer wieder von rechts nach links, danach geschieht dies umgekehrt, während jeweils die einzelnen „Blätter“ als Schriftzug erscheinen oder verschwinden.

Dahinter verändert sich lautlos das Geschehen, findet man ein Kanapee, Stuhlreihen oder einen Lehnsessel, dominiert ein Konzertflügel oder ein Sarg (Bühne: Frank Philipp Schlössmann). Oftmals braucht es nur einen plötzlichen Schub der Musik, einen plötzlichen Forte-Ausbruch, dass sich ein Tableau verändert; dass die in ein phantastisches, blausilbern schillerndes Biedermeier gekleideten und wie für ein Foto arrangierten Figuren (Kostüme: Klaus Bruns) auseinanderstieben oder die Haltung wechseln. Selten gibt es schnelle oder gar hektische Bewegungen, alles scheint wie in Trance abzulaufen.

Eine (Lebens-)Chronologie gibt es nicht, stattdessen Schlaglichter auf die wechselvolle Biographie Nikolaus Lenaus: Da erlebt man den „Riss“, als den der Dichter seine halbseitige Gesichtslähmung empfand, die seinem Abgleiten in den Wahnsinn vorausging; da hört er Freunde oder eine Opernsängerin singen, in die er sich verliebt hat, erlebt er im Wahn, wie er in den Krieg zieht, in Amerika die Niagarafälle sieht oder auf seiner Geige ein wildes steirisches Lied spielt. Frauen, wie die Jugendliebe Bertha, die ihm eine Tochter geboren hat, oder Marie drängen sich in die Erinnerung. Mehrfach sieht er sich mit dem Tod konfrontiert, steht am Sarg seiner geliebten Schwester Therese oder seines intimen Freundes und Gönners Graf Alexander von Württemberg. Immer wieder ist Sophie von Löwenthal, seine lebenslange, obsessive und dank ihrer Verheiratung unerreichbare Liebe präsent.

Ob auf oder hinter der Bühne: Zwölf Choristen sind reale Figuren oder spiegeln permanent das Denken und Fühlen Lenaus als Stimmen in seinem Kopf. Sie wirken wie ein Schatten der Solisten, der manchmal ganz im Hintergrund bleibt, aber auch mit Macht in den Vordergrund drängen kann.

Auch aus dem Orchester wird aufs Feinste das Geschehen kommentiert, denn Heinz Holligers oftmals gesteigerte Kammermusik ist enorm durchsichtig und höchst apart instrumentiert. So ist die Partitur immer wieder durchzogen von den Klängen des Cymbals – Erinnerung an Lenaus ungarische Wurzeln. Sieht man von den seltenen Ausbrüchen ab, ist sie von leiser, aber enorm intensiver Suggestivität, die trotz aller Komplexität ganz direkt und unmittelbar auf den Hörer wirkt.

Getragen wird das Ganze von exzellenten Sänger-Darstellern: Christian Gerhaher verkörpert, selbst wenn er spricht, mit vielen Facetten seines farbigen Baritons einen Getriebenen, den die Last des Daseins beugt und beutelt, oder wie es am Ende in den Worten Lenaus, aber gedichtet von Händl Klaus als Menetekel auf der rückwärtigen Wand erscheint: „Der Mensch ist ein Strandläufer am Meer der Ewigkeit.“ Juliane Banse, schon vor 20 Jahren in der Titelrolle von Holligers „Schneewittchen“ an der Zürcher Oper zu erleben, singt die Sophie mit leidenschaftlichem Sopran, aber spielt sie mit einer fast manieristischen Kühle. Sarah Maria Sun ist als Marie Behrends und die Opernsängerin Karoline Unger großartig und setzt sich mit ihrem hellen, hohen Sopran von der sinnlichen Fülle Juliane Banses ab, wie auch Bariton Ivan Ludlow und die Mezzosopranistin Annette Schönmüller als mit Lenau befreundetem Ehepaar Schurz musikalische und Bühnenpräsenz besitzen.

Andreas Homoki verzichtet in seiner geradezu kargen, mutig aufs Wesentliche reduzierten Inszenierung auf alles Gegenständliche, sieht man von den wie für sich stehenden Möbeln – oder Briefen als dominierendes Requisit – ab. Das gibt der Musik den weiten Raum, den sie braucht, um sich in ihrer ganzen Schönheit und Komplexität entfalten zu können, die der 78-jährige Heinz Holliger selbst am Pult der Philharmonia Zürich in jedem Takt fein schillern lässt.

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