Lulu in Rom

Agneta Eichenholz (Lulu), Christopher Lemmings (Marchese) Foto: Yasuko Kageyama/Opera Roma

Lulu und Dada

An der Staatsoper Rom inszenierte der Künstler William Kentridge Bergs „Lulu“

Von Thomas Migge

(Rom, Mai 2017) Alban Bergs Meisterwerk „Lulu“ bekommen Italiener in der Regel so gut wie nie zu hören. Sicher, es gab Aufführungen in Italien in den vergangenen Jahrzehnten, aber die waren fast alle nur mittelmäßig, schlecht besucht und fanden wenig Anklang. Dass die Staatsoper Rom ausgerechnet diese 1937 fragmentarische und 1979 von Friedrich Cerha komplettierte Oper nun auf die Bühne brachte, ist ein weiteres Zeichen für den positiven Wandel dieses Theaters unter dem mutigen Intendanten Carlo Fuortes und seinem musikalischen Leiter Alessio Vlad. Sie wollen dem römischen Publikum mehr als nur Verdi, Bellini, Rossini & Co. bieten – und haben Erfolg damit. Auch wenn die Aufführungen der „Lulu“ nicht ausverkauft waren, was sie ja auch in Deutschland nicht immer sind, so gab es doch eine interessierte Zuschauerschaft. Ein Beleg dafür, dass es Fuortes zunehmend gelingt, nicht nur das Stammpublikum des Hauses abzusprechen, sondern auch ein jüngeres und internationaleres Publikum.

Alejo Pérez dirigierte Bergs Oper meisterhaft. Er kitzelte die polyphone, atonal-konstruktive Struktur der Partitur gekonnt heraus. Es gelang ihm auch – einem Dirigenten, der sich bisher nicht als Fachmann Schönbergscher Zwölftontechnik hervorgetan hat – die in der Partitur enthaltenen zahlreichen musikalischen Formen, wie Kammermusik, Canzonen, Duette, Canons etc. stringent aneinanderzureihen. Auf diese Weise wirkte die Oper musikalisch aus einem Guss.

Die Besetzung war gut bis hervorragend. Agneta Eichenholz interpretierte eine leichtfüßige und auch schrille Lulu. Sicherlich kein „Prachtexemplar von Weib“ im Wedekindschen Sinn, aber eine Interpretin, die die Lust an schrankenloser Entfaltung schauspielerisch gekonnt zum Ausdruck brachte. Die US-amerikanische Sängerin Jennifer Larmore sang und sprach nicht nur perfekt das deutsche Libretto, sondern war wie geschaffen für die Rolle der Gräfin Geschwitz. Peter Savidge als Bankier, Brenden Gunnell als Maler, Martin Gantner als Doktor Schön und die anderen Sänger zeichneten sich ebenfalls durch deklamatorisches Können aus, ungemein wichtig für diese Oper, wie auch durch Stimmbegabung aus. Eine „Lulu“-all’italiana war das jedenfalls nicht, sondern eine Inszenierung im expressionistischen Stil Bergs.

Dazu passte die Regie des international bekannten südafrikanischen Künstlers William Kentridge. Mit Kohle, Pastellfarben und Graphitstift, gefertigte Einzelbilder, die als Film oder als Bühnenbild ein Ganzes ergeben, boten eine Szenografie, die in ihrer Formensprache an Dada, den Futurismus und den Expressionismus der ersten drei Jahrzehnte des 20. Jh. erinnerten. Seine Regie unterstrich Wedekinds literarischen Naturalismus, bei dem Lulu im Zentrum steht und es erst in zweiter Instanz zu einer Anklage der dekadenten Moral der damaligen High Society kommt.

Ein sehr gelungener Opernabend. Dennoch wurde der Erfolg der „Lulu“ von zwei negativen Nachrichten getrübt. Giorgio Battistelli, seit rund einem Jahr zweiter musikalischer Leiter der Staatsoper und für moderne und zeitgenössische Musik verantwortlich, hat seinen Vertrag nicht verlängert. Als Grund dafür gab der auch in Deutschland bekannte Komponist die nicht endende Kritik an ihm an. Genauer ausführen wollte er seinen Vorwurf allerdings nicht.
Noch bevor Battistelli erklärte, dass er nicht mehr für die Staatsoper arbeiten werde, wurde aus der Direktion bekannt, dass das von Battistelli im vergangenen Jahr organisierte und mit großem internationalen Erfolg realisierte Festival für zeitgenössisches Opernschaffen nicht mehr stattfinden werde. Ein großer Verlust, denn es handelte sich um das erste Festival dieser Art in Italien. Hinter vorgehaltener Hand heißt es, dass man nicht genügend Finanzmittel für eine Weiterführung dieser Veranstaltungsreihe habe. Sehr Schade!

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