Lulu im Kasperletheater

Lulu im Kasperletheater

Foto: Oper Kopenhagen

Bergs unvollendete Oper in Stefan Herheims Regie mit einer Neufassung des dritten Akts in Kopenhagen
(Kopenhagen, 15. Oktober 2010) Das lange, sehnsüchtige Warten auf den "neuen" dritten Akt hat sich gelohnt! Nicht nur inszenierte Stefan Herheim in Kopenhagen Alban Bergs "Lulu" vom Ende her. Auch Eberhard Klokes Bearbeitung des Particells, ein erweiterter Klavierauszug, den Berg vor seinem frühen Tod nicht mehr überarbeiten und über weite Strecken auch nicht instrumentieren konnte, ist eine gelungene Alternative zum von Friedrich Cerha 1979 "hergestellten" dritten Akt: oft gestrafft, aber manchmal auch verdichtet oder bewusst offen und karg gelassen, wenn Musik und Dialoge einander abwechseln. Cerha hielt sich streng an das Particell, verfuhr aber frei in der Zuordnung von Musik zu den nur als gesprochener Text erhaltenen Teilen. Also strich Kloke rigoros die entsprechenden Ensembles, darunter das große 135 Takte umfassende Quartett des abschließenden London-Bilds.
Noch größer waren die Abweichungen im vorausgehenden Paris-Bild. Hier schneidet Kloke Dialoge und Musik oft hart hintereinander, belässt es bei der Instrumentierung an entscheidender Stelle bei Klavier und Sologeige (wie von Berg vorgesehen), verwendet aber auch zusätzlich prominent und wirkungsvoll statt Bläsern – vornehmlich hörnern – wie Cerha ein Akkordeon, "was mir in Hinsicht auf Bergs Klangspektrum und das Bänkelsängerlied Wedekinds" (das zweimal prominent verarbeitet wird) "angemessen schien", so Kloke im Revisionsbericht seiner Bearbeitung. Ausdrücklich sind manche Stellen alternativ zu verwenden oder können gekürzt werden. Davon machte die Erstaufführung dieser bemerkenswerten Fassung in Kopenhagen Gebrauch, weshalb sich die deutsche Erstaufführung von Klokes Fassung in Erfurt (Juni 2011) durchaus anders anhören könnte 
Vielleicht ist dies der bisher gelungenste Ansatz, die von Berg angestrebte Symmetrie von Aufstieg und Fall Lulus wiederherzustellen und doch die Proportionen zurechtzurücken. Andere Versuche waren allerdings nicht weniger spannend: Peter Konwitschny etwa ließ in Hamburg die von Berg noch instrumentierten Variationen und das finale Adagio – also die Begegnung von Lulu und Jack the Ripper – bereits erstmals zu Beginn erklingen, in Basel strich man das ganze Paris-bild, im Sommer wurden in Salzburg die ausfransenden Szenen dieses Bildes fast ganz ins Publikum verlegt.
Klokes "Modul"-Fassung, so frei sie auch gestaltet ist, klingt bezwingend, nur schade dass der Komponist, nicht erst durch Kammermusikfassungen der beiden Opern und der Lulu-Suite mit dem Oeuvre Bergs vertraut, diesmal – wie scho zweimal zuvor die "Lulu" nicht selbst dirigiert hat. Denn Michael Boder betonte – analog zur Regie, die das Geschehen unter Zirkusleuten und oft in einem großen Puppentheater spielen ließ – allzu sehr den von Berg nur manchmal auskomponierten Zirkus-Ton und ebnete auf Kosten der Sänger die Lautstärkegrade in lautem mezzoforte ein. Leider bekam auch Herheims Inszenierung erst im dritten Akt den nötigen Biss, die Klarheit und eine bitter nötige Prise Irrationalität. Vorher nahm der Norweger mit der Metapher einer alles beherrschenden puppenhaften Zirkuswelt das Werk gefährlich wenig ernst und inszenierte an seinem Kern weit vorbei. Kasperletheater und Schmierenkomödie beherrschten die Szene zu sehr, um Interesse an auch nur einer Figur zu erwecken. Von Clowns wie eine Zirkusnummer beklatscht wird gar das "Lied", in dem Lulu, von Schön zum Suizid gedrängt, die Essenz ihrer Existenz buchstäblich in den höchsten Tönen heraussingt. Gröber missverstehen kann man diesen Moment nicht und auch nicht schlimmer seine Protagonistin als neckisches Püppchen, Tänzerin in Tütü oder hohle 20er-Jahre-Schönheit diffamieren.
Erst ganz am Ende macht Herheim Ernst: nun steht das altmodische, neobarocke, von Menschen bespielte große Puppentheater allein auf leerer Bühne, das bislang diffuse Licht wird magisch, die Verwandlung der Zirkusleute in einen regenschirmbewaffneten Mob, der schließlich Lulu kollektiv tötet, offenbart endlich den Ernst, der dem ganzen Abend abging.
Deshalb standen auch die allesamt soliden, aber wenig charakteristischen und charismatischen Sänger auf verlorenem Posen: Allen voran Sine Bundgaard als Lulu, Johan Reuter als Dr. Schön und Johnny van Hal als Alwa.
Klaus Kalchschmid
Weitere Vorstellungen am 5., 11., 21, 24. November, 8. und 10. Dezember 0 Kommentare/von
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