Luisa Miller

Gefangen im Kaleidoskop

Krassimira Stoyanova (Luisa) Foto: Wilfried Hösl

(München, 28. Mai 2007) Premiere von Verdis „Luisa Miller“ am Nationaltheater
Erst 1988 fand die Münchner Erstaufführung von „Luisa Miller“ statt – am Gärtnerplatztheater. Jetzt war Verdis bereits 14. Oper endlich am Nationaltheater zu erleben. In Luxus-Besetzung und einer Inszenierung, die die Vertonung von Schillers „Kabale und Liebe“ als symbolisch überhöhte Tragödie zeigt.
Regisseur Claus Guth geht es hier nicht um Realismus, sondern darum, all jene Kräfte zu zeigen, die Reden und Handeln von Menschen bedingen. Also ließ er sich von Christian Schmidt ein riesiges tapeziertes Drehkreuz bauen, das vier sich spiegelnde Räume zeigt: zweimal die Wohnzimmereinrichtung in elegantem Stahlblau von Vater und Sohn Walter, zweimal den schlichten weißen Küchentisch von Vater und Tochter Miller. Die Wände schließen und öffnen sich mit ihren roten Vorhängen wie von Geisterhand, geben Durchblicke frei oder verhindern sie.
Auch die Figuren verdoppeln oder spiegeln sich. Der Intrigant Wurm ist bei Guth keine eigenständige Figur, sondern eine Macht des Unbewussten, die alles, auch Wände, durchdringen kann und als Handlanger des reichen Walther ebenso dessen alter ego darstellt, wie sie das schlechte Gewissen von Luisas Vater Miller verkörpert. Anfangs sind diese Spiegelungen eher verwirrend, stören sie die direkte Interaktion der handelnden Figuren. Spätestens aber nach der Pause, wenn im zweiten Akt Wurm Graf Walter berichtet, wie er Luisa gezwungen hat, ihrer Liebe zu Rodolfo abzuschwören, überzeugt dieses Prinzip. Denn das Duett der beiden gerinnt zu einem beängstigend wahnwitzigen Spiel des Bösen mit sich selbst.
Auch die beiden großen Zwiegespräche des dritten Akts werden in ihrer Wirkung intensiviert durch die Auflösung wie in einem Kaleidoskop: viermal ist auf der unablässig bewegten Drehbühne der Tisch im Hause Miller zu sehen, viermal sind Vater und Tochter gedoubelt, wird die Situation des Anfangs gezeigt, während die realen Figuren im Vordergrund miteinander kommunizieren. Auch die Schlussszene, in der Rodolfo sich und Luisa ob ihrer vermeintlichen Untreue vergiftet, nimmt in Verdoppelung der Figuren Bezug auf den Anfang, der bereits das tödliche Ende antizipiert hatte.

Elena Maximova (Federica), Carlo Colombara (Walter), Krassimira Stoyanova (Luisa) Foto: Wilfried Hösl

Claus Guth gelingt es zunehmend, die Brechungen eines ebenso schönen wie schrecklichen Kaleidoskops zu inszenieren und im Dienste des musikalischen Dramas einzusetzen. So versteht der Regisseur auch den Chor als eine Art Kommentar wie in der antiken Tragödie und zeigt ihn schon zu Beginn als schwarz gewandete Trauergemeinde.
Verdis Oper steht und fällt mit der Titelpartie. Und Krassimira Stoyanova ist als Luisa eine Idealbesetzung. Süchtig macht ihr wunderschönes, enorm tragfähiges Piano, ihre berückende Höhe und ihr natürliches Spiel. Nur im Fortissimo-Ausbruch verliert die Stimme ein wenig an der sonst so reichen Substanz. Ihr ebenbürtig: Ramón Vargas als Rodolfo. Auch er beglückt mit einem herrlichen Timbre und einer staunenswerten Pianokultur und Differenzierungskunst. Paolo Gavanelli müht sich etwas als Miller, ist als Figur aber präsent, während Carlo Colombara die Eiseskälte und Brutalität Walthers auch in die Stimme legt. Elena Maximova gibt der Federica mondänen Mezzo-Glamour, Georg Zeppenfeld dem Wurm eher milde Schärfe.
Massimo Zanetti schlug anfangs enorm schnelle Tempi an, provozierte das Staatsorchester zu kantigem Brio. Doch das legte sich glücklicherweise im Laufe des Abends und der Dirigent bewies, dass bezwingender Ausdruck auch und gerade aus leise und ruhig entfalteten Passagen sprechen kann.

Klaus Kalchschmid

0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.