Lubman dirigiert Zimmermann und Adams bei der musica viva

Schwarmintelligenz

Werke von Bernd Alois Zimmermann und das Violinkonzert von John Adams bei der musica viva in München

Von Klaus Kalchschmid

(München, 14. Dezember 2018) Eigentlich hätte das Violinkonzert von John Adams aus dem Jahr 1993 mit Ilya Gringolds als Solist in die Mitte des Konzerts gehört: Nach der „Sinfonie in einem Satz“ von Bernd Alois Zimmermann aus dem Jahr 1951 und vor dessen „Dialogen“ für zwei Klaviere und Orchester (1965). Denn der hypertrophe, oft dick instrumentiere, wenn auch kurze Sinfonie-Satz – hier in der Urfassung mit Orgel – hatte mit den folgenden komplexen „Dialogen“, die im Umkreis der „Soldaten“-Oper komponiert wurden, wenig zu tun.

Das Klavierduo GrauSchumacher spielte seinen komplexen Part hier mit vielen Facetten und ergänzte im Nachtkonzert noch die Klavierbearbeitung dieses Stücks als „Monologe“ für zwei Klaviere verbunden mit Debussys „Prélude à l’après-midi d’un faune“ und „Trios Nocturnes“. Warum die „Dialoge“ ausgerechnet diesen Namen tragen, ist selbst beim mehrfachen Hören kaum zu entschlüsseln, zu vielfältig ist das Geschehen, zu fein sind die Wechselwirkungen einzelner Orchestergruppen mit den beiden Klavieren. Und selbst der sechste Dialog, der plötzlich Teile von Mozarts Klavierkonzert C-dur KV 467 und Debussys Jeux in die Faktur einwebt oder sie dadurch aufbricht, je nach Standpunkt, mündet in eine Kadenz beider Klaviere, die wie eine Enklave wirkt.

Dagegen ist Adams‘ Violinkonzert verbindliche, fast leicht zu hörende und zu verdauende Kost: Anfangs wirkt das Zusammenspiel von Geige und Orchester, das wie ein Klangband unter ihr abschnurrt, zwar etwas gekünstelt, aber der Mittelsatz („Chaconne: Body through which the dreams flows“) offenbart eine luzide, in den Intervallstrukturen und der rhythmischen Komplexität faszinierende Struktur, die sich gegen Ende im Dialog der hohen Streicher mit der Solovioline aufzulösen scheint. Virtuos und höchst effektvoll dann das Finale, „Toccare“ überschrieben. Es beginnt als Orgie in fortlaufenden Achteln, um immer wieder durch fetzig rhythmisch akzentuierte Doppelgriffe unterbrochen zu werden. Und plötzlich ergreift das ganze Orchester eine faszinierende Schwarmintelligenz, bevor das Ganze effektsicher in die Zielgerade geht.

Die BR-Symphoniker spielten hier unter Leitung von Brad Lubman – wie auch bei Zimmermann – mit einer staunenswerten Präzision und Leuchtkraft. Ilya Gringolts war hörbar souverän bei einem Konzert, das er erst vor einem Jahr auf CD eingespielt hat. Man darf sich also freuen wenn er – hoffentlich bald – die geplante Uraufführung von Nicolaus Richter de Vroes neuem Werk für Violine und Orchester spielt, das der Komponist leider noch nicht fertiggestellt hat; oder schon am 31. Januar des kommenden Jahres das Violinkonzert von Paul Hindemith mit dem MKO im Prinzregententheater.

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