Lot

Die Wutbürger von Sodom

Lot und seine Töchter Foto: Staatsoper Hannover

Giorgio Battistellis neue Oper „Lot" an der Staatsoper Hannover zeigt die biblische Geschichte im Kontext von Fremdenfeindlichkeit und religiösem Fanatismus – eine bemerkenswerte Uraufführung
Von Thomas Migge
(Hannover, Mai 2017) Eine provozierende Oper. In vielerlei Hinsicht. Die neue Oper Giorgio Battistelli, ein Auftragswerk des Staatstheaters Hannover, sollte nach der Intention des italienischen Komponisten eigentlich nur das Thema der Migration behandeln. Doch die Oper „Lot" in drei Akten, uraufgeführt mit großem Publikumserfolg in Hannover thematisiert auch die Figur des alttestamentarischen Gottes, des jüdische Jahwe, und die aktuelle Problematik religiöser Radikalität. Im Grunde genommen wird das Thema der Migration eher am Rande behandelt.
Battistelli, neben Salvatore Sciarrino der wohl bekannteste und interessanteste zeitgenössische Komponist Italiens, thematisiert die Geschichte des alttestamentarischen Lot, der, gegen den Willen seiner Mitbürger, zwei Engel des Herrn bei sich beherbergte. Dem Mob von Sodom, der die Herausgabe der beiden Gäste Lots forderte, um sie zu töten, bot der Gastgeber stattdessen seine beiden unberührten Töchter an. So heilig war Lot die Idee der Gastfreundschaft, dass er für sie bereit war, seine eigenen Kinder zu opfern.
Dazu kam es nicht, und Lot und seine Familie konnten, mit Hilfe der Engel, also Gottes, Sodom rechtzeitig vor der Zerstörung verlassen.
Battistellis Oper stellt die Figur Lots (Genesis, Kapitel 19) als religiösen Hardliner dar. Indem Lot bereit ist, seine Kinder dem Mob zu opfern, um seine Gäste zu retten, wirkt er in seinem unverrückbaren Gottvertrauen extrem fundamentalistisch. In Battistellis Oper, zu der die Schriftstellerin Jenny Erpenbeck das Libretto schrieb, wird die Geschichte Lots, so wie sie in der Bibel nachzulesen ist, am Ende verformt: So sind es nicht die Töchter Lots, die den Vater verführen, sondern es ist ein lüstern-verzweifelter Lot, der sich an seinen Kindern vergeht.
Der in der Oper dargestellte Gott der Juden ist ein afrikanisches Kind, das Regisseur Frank Hilbrich mit Puppen spielen lässt. Die Puppen sind die Menschen, und mit ihnen vergnügt sich ein brutal anmutender Kindergott, so ganz anders als der Gott der späteren Christen. Im ersten Akt feilscht Abraham mit diesem böswilligen Kindergott um das Leben der Gerechten, die in Sodom verschont werden sollen. Im zweiten Akt wird das Prinzip der heiligen Gastfreundschaft zu einem Zerrspiegel für die Darstellung archaisch-religiöser Vorgaben. Der Tonfall des Librettos für die fremdenfeindlichen Bürger Sodoms ist durch eine rüde Wortwahl gekennzeichnet. Erpenbecks Wutbürger von Sodom sind fremdenfeindliche Fratzen, die alles vernichten wollen, was sie nicht kennen.
Die melodisch anmutende Musik Battistellis, die bei diesem dramatischen Opernthema ergreifend Gefühlszustände, Wut und Verzweiflung zum Ausdruck bringt, hat im zweiten Akt in Sodom den Charakter eines Oratoriums. Die Musik unterstützt dabei die syllabisch deklamierten Texte des Librettos. Nicht oft finden Text und Musik in einer zeitgenössischen Oper so harmonisch und ergänzend zusammen wie bei diesem Werk.
Im dritten Akt scheint die musikalische Dramatik dem Libretto gegenüber zu überwiegen. Lots Frau erstarrt nicht, wie im biblischen Original, zu einer Salzsäure, sondern kehrt zum Sterben nach Sodom zurück. Sie zeigt damit, dass sie das grausame Opfer, das ihr Mann von seiner Familie verlangt, um das Prinzip der Gastfreundschaft zu preisen, nicht nachvollziehen kann. In den Bergen, in denen sich der Vater an seinen Töchtern vergeht, wird deutlich, dass auch der religiöse Fanatiker Lot sündig wird. „Auch einer, der von Gott geliebt…war, kann zu böser Zeit ein böser Mensch sein", heißt es bezeichnend im Libretto.
Battistelli wählte für seine Partitur ein großes Orchester. Er bietet höchst szenografische Musik, die sich, zusammen mit dem Libretto, dem Zuhörer leicht erschließt. Seine expressionistischen Klänge, aber auch Tonsequenzen, die manchmal, aber gar nicht unangenehm, an Filmmusik erinnern, gefallen dem Publikum. Und das zu recht.
Eine anspruchsvolle Oper zu einem anspruchsvollen Thema. Mark Rohde dirigierte meisterhaft und kraftvoll die Partitur. Sämtliche Sänger, allen voran Brian Davis als Lot und Khatuna Mikaberidze als seine Frau, überzeugten durch schauspielerische und stimmliche Qualitäten. Ein großer, ein intellektuell und musikalisch ungemein anregender Opernabend.
Noch bis zum 28. Mai 2017



Münchner Philharmoniker


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