Lohengrin in Bayreuth als Weihnachtsmärchen

Giftgrüne Gelatine und Blau von Delfter Kacheln

„Lohengrin“ als pseudomodernes Märchen bei den Bayreuther Festspielen mit einem grandiosen Einspringer in der Titelpartie: Piotr Beczala

Von Klaus Kalchschmid

(Bayreuth, 25. Juli 2018) Schon einmal hat ein bildender Künstler – Günther Uecker – das Bühnenbild für einen Bayreuther „Lohengrin“ entworfen: das war 1979 für eine Inszenierung von Götz Friedrich. Doch was damals – mit Nägeln verschiedenster Größe und Anordnung sowie Schwanenfedern – konkret symbolisch und doch oftmals abstrakt blieb, ist nun im Bühnen-Bild-Raum von Neo Rauch ein zur vielfachen Deutung einladendes Vexierspiel.

Wolken, die Sonnenstrahlen durchbrechen, prägen einen gewaltigen Rundhorizont mit versprengten schlanken Nadelbäumen. Davor erahnt man auf den zweiten Blick die Andeutung von Elementen einer Transformationsstation mit aufgemalten Blitzen in einem Rund, das der Rosette von Kathedralen nachempfunden ist, sowie einen Strommasten, der aussieht wie ein hochgeschossener Pilz. Das alles ist – bis auf rostrotes Gestänge – monochrom in den verschiedensten Stufen von Blaugrau gemalt, der Farbe von Delfter Kacheln also, wie das Programmbuch erklärt, aber auch wie man sie aus Bildern von Rauch wie „Der Former“ oder „Der Lehrling“ kennt. Für den Beginn von Akt 2 und 3 hat der Künstler einen Plafond malen lassen, der durchschimmern kann und Varianten eines düsteren Seebilds mit dunklen Wolken zeigt. Ein winziges Häuschen, aus dem Elsa im zweiten Akt singt, wächst für die Brautgemach-Szene zum begehbaren Schlafzimmer in leuchtend Rost-Orange, in dem schließlich auch das Kleid Elsas am Ende im dritten Akt schimmert, bevor ganz am Ende ihr Bruder Gottfried als Marsmännchen mit Hut auftritt, das aus durchscheinender giftgrüner Gelatine zu bestehen schein.

Was der junge Yuval Sharon darin – als Einspringer für Alvis Hermanis – inszenierte, hat im besten Fall den Charme eines Weihnachtsmärchens, so wenn Doubles von Lohengrin und Telramund in der Luft fechten oder komische Szenen im Chor entstehen, vor allem aber wenn man an den Zeiten-Mix der Kostüme von Neo Rauch und Rosa Loy denkt, die von Attributen des mittelalterlichen Ritters über Renaissance, die Halskrausen aus Gemälden von Anthonis van Dyck bis zu einem Fantasie- Biedermeier und in die 1950er Jahre mit gepunkteten Kleidern reicht. Denn Lohengrin tritt in einer Art elegantem Blaumann mit Handschuhen auf, bevor er endlich mit einer schimmernden Rüstung ausstaffiert wird.

Piotr Beczala, auch er ein Einspringer – für Roberto Alagna, der beim Studium seiner Partie angeblich nur bis zum 2. Akt kam – hat alles in Stimme, Erscheinung und Spiel für einen idealen Lohengrin: eine zart schimmernde und doch leuchtkräftige Höhe, klangvoll männliche Mittellage und bei allem eine schöne Tiefe und viele Farben.

Anja Harteros konnte die Partie der Elsa seit Jahren – und der Münchner Inszenierung von Robert Carsen – verinnerlichen; diesmal scheint sie sich nicht ganz wohl zu fühlen und ist doch trotzdem wieder eine Idealbesetzung in ihrem Singen, bei dem die Töne so herrlich fluten können und immer einen strahlenden Kern besitzen. Kostüm und vor allem die blausilbern getönte Perücke erleichtern ihr wohl ebenfalls kaum die Identifizierung. In der Brautgemach-Szene lesen die beiden erst einmal in einem Buch, bevor mit zunehmendem Frage-Druck, der sich auch in immer hektischerem Strom-Fluss ins Brautbett äußert, Lohengrin seine Elsa an den Trafo fesselt, weshalb ihre Frage ihr einen bösen, aber nicht tödlichen Stromstoß versetzt.

Auch das „böse“ Paar ist trefflich besetzt. Waltraud Meier nimmt mit einer stolzen, selbstbewussten, in Gestik und Gesang sehr präsenten Ortrud Abschied von dieser ihrer letzten großen (Wagner-)Partie nach Kundry in Berlin und Isolde in München. Das ist schade, denn alles ist noch da: Stimmqualität, Ausdruck, Höhensicherheit. Aber die 62-Jährige betonte gerade in einem Interview, dass man aufhören solle, wenn es am schönsten ist. Ihr Telramund Tomasz Konieczny denkt da sicher noch nicht dran und vermag mit irrlichterndem Bassbariton genau der Richtige zu sein für diesen bedauernswerten Mann, der zu schwach ist für das eigene Aggressionspotenzial. Egils Silins verkörpert einen profunden Heerrufer des Königs. Den König Heinrich singt Georg Zeppenfeld mit allzu schlank dezentem Bass. Der grandiose Festspielchor kann in der besonderen Bayreuther Akustik wieder mit einer Klangfülle, Plastizität und Rundung beglücken, wie sie keinem Opernchor dieser Welt in einem normalen Opernhaus gelingt.

Mit dem „Lohengrin“ hat Christian Thielemann alle zehn Wagner-Werke des Bayreuther Kanons im Festspielhaus dirigiert – und außerdem 2013 „Rienzi“ in der Oberfrankenhalle. Seinen grandios vielschichtigen „Tristan“ vom Vorjahr noch im Ohr, wird man das Gefühl nicht los, dass beim Vorgängerwerk in seiner Deutung noch Luft nach oben ist. Schon beim Vorspiel dauerte es, bis Magie sich einstellte und auch sonst war ein Dirigent am Pult, der zwar das große Ganze voll im Blick hatte, Steigerungen klug disponierte, aber Raffinesse und Klangsinnlichkeit im Detail noch finden muss. Aber vielleicht war man ja auch vom Delfter-Kachel-Blau oder später dem orangefarbenen Bett entweder eingeschläfert oder geblendet.

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