Lohengrin an der Stuttgarter Oper

Scheuer Antiheld

„Lohengrin“ radikal reduziert in Stuttgart – inszeniert von Árpad Schilling, dirigiert vom neuen GMD Cornelius Meister

Von Klaus Kalchschmid

(Stuttgart, 29. September 2018) Als mächtigen Prachtprackl mit Vollbart stellt man sich einen idealen Lohengrin kaum vor. Und doch ist Michael König ein solcher, wenn er den Mund aufmacht und ganz zart und mit schönem, warmem Timbre „Nun sei bedankt mein lieber Schwan“ singt oder ganz am Ende eine oftmals fast tonlos geflüsterte Gralserzählung – in schmutzigen schwarzen Hosen und zerbeulten Schuhen, mit zerzausten Haaren und einem zerknitterten weißem Hemd, das aus der Hose hängt: ein Verzweifelter singt sich da in die Vision einer schönen, edlen (Grals-)Welt hinein, wie sich zu Beginn Elsa den strahlenden, rettenden Ritter in ihrem Monolog herbeigeträumt hat.

Aus den beiden hätte ein schönes Paar werden können, aber das Frageverbot war in seinem Beharren auf Vertrauen, das Essenz jeder Beziehung ist, doch auch das Gift, das sie zerstört, eben nicht auszuhalten. Wenn der Mann im Brautgemach, wo gerade Brabanter Paare buntgekleidet humorvoll selig das Bett ausprobiert haben, anfängt sich auszuziehen, Elsa umschmeichelt und liebkost, will die Frau – reden! Wenn sie ihn dann wie unter Zwang und weil sie fürchtet, er könne in „Glanz und Wonne“ zurückkehren, nach „Nam‘ und Art“ gefragt hat, ist er es, der zerknickt sitzenbleibt und sich angesichts des lauten Trompetenschwalls der Brabanter Spielleute, die jetzt die Bühne bevölkern, die Ohren zuhält.

Bereits sein Auftritt aus der Masse, als ob ihn der Chor als Retter gebieren wollte, samt kleinem Plüsch-Schwan, den er schließlich der selig verzückten Elsa schenkt, ist ebenso unspektakulär wie der Kampf mit Telramund, zu dem ihn die Brabanter schubsen wie auf dem Schulhof einen Jungen, der eher widerwillig und aus Versehen einem anderen einen Fausthieb verpasst. Lohengrin – ein Mensch wie wir alle!

Der ungarische Regisseur Árpad Schilling – in seiner Heimat zum Staatsfeind erklärt und Regisseur eines kühn gelungenen „Rigoletto“ an der Bayerischen Staatsoper, wo der neue Stuttgarter Intendant Viktor Schoner Künstlerischer Betriebsdirektor war, dieser Árpad Schilling ist so mutig, in einem grandios abstrakten Einheits-Bühnenbild von Raimund Orfeo Voigt, das aussieht wie ein Tunnel, der sich nach hinten ins Nichts absenkt, mal tiefschwarz oder auch mattsilbergrau schimmert, den Fokus – und das Licht – ganz auf die Figuren zu lenken. So kann man beobachten, wie etwa der ungewöhnlich helltimbrierte, vitale Telramund von Martin Gantner und Ortrud, die fast den ganzen ersten Akt stumm auf der Bühne agiert, miteinander kommunizieren, sich gegenseitig Mut machen, beschwichtigen oder verbal, wenn auch stumm, und gestisch attackieren.

Das fordert von den Sängerdarstellern viel, die teilweise in ihren Partien debütieren wie Okka von der Damerau als geschmeidige, hinterlistig giftige, stolze und fast noch jugendliche Ortrud oder auch Simone Schneider als Elsa, die ebenfalls schon viele Facetten für ihre Partie fand – stimmlich wie darstellerisch: mit einem gehaltvollen lyrischen Sopran, der auch in Mittellage und Tiefe Fülle besaß und eine runde Höhe. Ihre große Szene mit Ortrud im zweiten Akt war eine der schönsten des ganzen Abends. Wie Elsa am Ende gegen ihren Willen fasziniert und staunend der Gralserzählung zuhört, ist ebenso verstörend wie die Tatsache, dass ausgerechnet Ortrud wahllos aus dem Männerchor einen neuen Gottfried bestimmt, und noch mehr, dass am Ende die Brabanter (der Stuttgarter Chor kommt in Intensität und Qualität gleich hinter dem der Bayreuther Festspiele) kollektiv auf Elsa losgehen und zu den düsteren Schlussakkorden so in die Enge treiben, als ob sie die vermeintliche Verräterin gleich meucheln wollten.

So geht eine Aufführung zu Ende, die den Fokus ganz auf die Musik und die Figuren legt, nur leider das Symbol des Schwans allzu strapaziert. Da kippt Ortrud zu Beginn des zweiten Akts ein zerzaustes Exemplar aus dem Koffer, drapieren die Brabanterinnen später eine aus dem blauen Futter der Sakkos ihrer Männer gebildete Schelde, die sich als Fluss über die Bühne schlängelt und platzieren darauf ein turtelndes Schwanenpaar samt Kinder; und der verzweifelt erboste Lohengrin zerrt nach Elsas Frage im Brautgemach vier Schwäne unter dem Bett hervor und knallt sie an die Wand, als wären es Nebenbuhler.

Anfangs sind alle Personen grau gekleidet, nur die „Politiker“, also König Heinrich (Goran Jurić) steckt Tina Kloempken in einen biederen, dunkelblauen Zweireiher, seinen Sprecher, den Heerrufer (Shigeo Ishino) als faulen Varieté-Künstler in einen silbergrauen Frack und lässt die Bühnenmusiker in Uniformen erscheinen, die denen der Bundeswehr täuschend ähneln. Ortrud trägt im ersten Akt ein raffiniert schwarzweiß meliertes Kleid und später darüber einen rotbraunen pelzbesetzten Mantel, der sie als Sproß eines bedeutenden Fürstengeschlechts ausweist. Und weil kein malerisches Bühnenbild in Delfter Blau und keine märchenhaften Kostüme wie im aktuellen Bayreuther „Lohengrin“ ablenken, auch kein verdeckter Graben manches überdeckt, kommen orchestrale Stärken und Schwächen umso deutlicher zur Geltung.

So war der erste Akt trotz eines noch nicht ganz ausgereiften Vorspiels vielversprechend rund, hatte der zweite große Momente, vor allem bei den weit sich aussingenden Streichern, später aber franste die Musik aus dem Graben leider immer mal wieder aus, was wohl nicht zuletzt der Premieren-Nervosität und der Unerfahrenheit von Cornelius Meister mit der heiklen, sehr direkten Stuttgarter Akustik geschuldet ist. Dann traten Holzbläsersoli allzu sehr hervor, deckte das Orchester den doch gar nicht so kleinstimmigen Michael König zu, oder drängte sich ein kammermusikalisches Geflecht allzu sehr in den Vordergrund. Aber das sind alles Feinheiten, die sich in weiteren Aufführungen sicher perfektionieren lassen.

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