Lockenhaus II

Bei kühlerer Temperatur

Das Trio Image im Saal der Burg Lockenhaus
Foto: L. Molnar

Besuch beim Kammermusikfest Lockenhaus nach zehn Jahren Absenz – unter Nicolas Altstaedt wird virtuos musiziert und weniger improvisiert
Von Laszlo Molnar
(Lockenhaus, 13.-16. Juli 2016) Während KIassikInfo-Autor Derek Weber ein regelmäßiger Besucher des Kammermusikfestes in Lockenhaus auch seit Beginn der Leitung durch Nicolas Altstaedt ist, bin ich dieses Jahr erst neu dazu gekommen. Nicht zu Lockenhaus, nein. Da fühle ich mich schon als Veteran. Altstaedt-Lockenhaus ist es, das ich noch nicht kannte. Dem Ur-Lockenhaus mit Gidon Kremer und Pfarrer Josef Herowitsch begegnete ich erstmals 1988. Es war in jeder Hinsicht hinreißend, mitreißend. Kremer und seine Virtuosenfreunde setzten in dem kleinen Ort mit seiner hohen Burg und seiner großen Kirche ein wild brodelndes Kammermusikgebräu an, in dessen Kessel sie bei den Proben von morgens bis abends Zutaten warfen – Stücke, Musiker, Komponisten -, bis es vor einem staunenden Publikum in den Konzerten heiß ausgegossen wurde. Berauscht zogen wir von dannen, die Sinne benebelt vom unbändigen Ritual. Lange Zeit brauchte man dann, um wieder in der Ordnung des bürgerlichen Musiklebens zurecht zu kommen.
2016 fand ich denselben Ort vor, mit denselben Gebäuden und denselben Räumen. Viel hat sich nicht geändert; ein neuer Billa-Supermarkt mit großem Parkplatz mitten im Ort, ein schickeres Café an der Stelle des alten, und ein Gasthof Schlögel an der Stelle des vertrauten Lackner. Immer noch dieselbe Zahl an Konzerten – eines vormittags, eines abends, vielleicht noch eines danach – und nach wie vor in der schönen klar-italienischen Barockkirche aus dem 17. Jahrhundert und im großen Saal der Burg aus dem Mittelalter. Die Musiker und Musikerinnen unter dem Patronat des Cellisten Nicolas Altstaedt wuseln nicht weniger herum als Kremer und seine Freunde. Aber sie kochen auf einer anderen Temperatur, mit einer kälteren, vielleicht effizienteren Flamme. Es gibt ein Motto – „Terra Nova“ lautete es dieses Jahr -, die Konzerte sind lange vorbereitet, die Künstler kommen bestens vorbereitet. Statt der früher spannungsvollen Unsicherheit quasi improvisierter Konzerte herrscht nun kontrollierte Ruhe. Das Klima ist sachlicher.
Aber nicht weniger virtuos. Der neue Zauber von Lockenhaus liegt darin, hier der normalen Welt abhanden zu kommen und ganz in die Galaxie der Kammermusik eintauchen zu können. In dieser haben Komponisten ihre intimsten Gefühle, Hoffnungen, Sehnsüchte, auch Ängste in Musik festgehalten und es noch immer.

Etwa Maurizio Kagel, der sich als Enfant terrible inszenierte und so auch bekannt war. Wie tragisch dagegen klingen seine drei Klaviertrios, die das wunderbare deutsche „Trio Imàge“ in der Burg präsentierte. Kagel – im Gedanken an den Tod und im Bewusstsein seiner Krebserkrankung – fand Töne, die in ihrer Dringlichkeit an Schostakowitsch erinnern. „Terra Nova“, das bedeutete in Lockenhaus nicht einen Reigen von Uraufführungen. Das bedeutete  Musik, der man nur äußerst selten begegnet, weil sie auch den Kammermusikveranstaltern immer noch zu ungewohnt oder irritierend oder schlicht zu schwer zu besetzen ist. Wer hat schon André Jolivets erdigen „Hopi Snake Dance“ für zwei Klaviere im Repertoire, den Alexander Longquich und seine Frau Cristina Barbuti in der Kirche vorführten; wer hat sich schon mit Charles Ives’ Largo für Violine, Klarinette und Klavier befasst (Tommaso Longquich, Klarinette; Charlotte Julliard, Violine; Julien Quentin, Klavier)? Oder wer traut sich an Dvoraks ausladendes Streichquintett für zwei Violinen, Viola, Violoncello und Kontrbass heran (Vilde Frang, Gergama Gergova, Nimrod Guez, Julian Steckel, Zsolt Fejévári), von Ernest Chaussons noch ausladenderem Konzert D-Dur für Klavier, Violine solo und Streichquartett, op. 21, gar nicht zu reden (Julien Quentin, Sayaka Shoji, Charlotte Julliard, Leslie Boulin Roulet, Sarah Chenaf, Julian Steckel)?

Die Bandbreite des Gebotenen war in den Tagen vom 13. bis 16. Juli ebenso beeindruckend wie zu Beginn (siehe Artikel auf KlassikInfo). Jetzt reichte sie von der Klassik bis in die Gegenwart (Uraufführung eines  Cellokonzertes des Cellisten des Quatuor Ébène, Raphael Merlin, mit Nicolas Altstaedt und den „Lockenhaus Strings“).
Beeindruckend auch, dass das Niveau des Musizierens nicht nachzulassen gedachte; das lag sicher auch an der geschickten Programmierung der Künstler in den Konzerten. Durch abwechselnde Bestzungen haben alle Zeit, wieder Kräfte zu sammeln.
Jeder Musiker ist hier auch „in Residence“ und erhält mehrfach Gelegenheit, sich mit verschiedensten Stücken und in Kombination mit verschiedenen Kollegen zu präsentieren. Das Quatuor Zaide etwa, eine reine Damenformation aus Frankreich. Sie fesselten ihre Zuhörer am Mittwoch in der Kirche mit einer vibrierenden Darbietung von Dvoraks dreizehntem Streichquartett, G-Dur; am Donnerstag lauschte man fasziniert, als sie in der Burg die Uraufführung eines Quartetts der jungen italienischen Komponistin Francesca Verunelli spielten – ein Stück, das höchst effektvoll auf die Randklänge der Streicher setzt, aufs Schaben, Kratzen und Flirren. Und am Freitag beeindruckten sie in Steve Reichs berühmten „Different Trains“ für Streichquartett und Tonband von 1988.

Der Pianist Alexander Lonquich spielte nachts in der Kirche Schuberts Klaviersonate B-Dur, D 960, war dann in verschiedenen Klavierduos zusammen mit seiner Frau Cristina Barbuti zu hören oder mit seinem Sohn Tommaso in der andernorts gewiss so gut wie nie aufgeführten Sonate für Klarinette und Klavier von Leonard Bernstein. Ähnliche Fährten zum Unbekannten und Ungewohnten legten im zweiten Teil des Festivals der Cellist und Gewinner des ARD-Wettbewerbs, Julian Steckel, oder das Trio Image. Zum Beispiel zum wunderbar farbigen Klaviertrio d-Moll von Gabriel Fauré oder zum perfekt durchmodellierten Klaviertrio op.3 von Alexander Zemlinsky. Und natürlich Nicolas Altstaedt, der wirklich unermüdlich zum Cello griff und ihm vom zartesten Klanghauch bis zum grimmigsten Knurren alles abverlangte.

Eine Musikerbegegnung der anderen Art gewährte der Münchner Filmemacher Daniel Kutschinski. Als Late-Night-Show wurde sein Film „4“ gezeigt, eine Dokumentation der Arbeit des „Quatuor Ébène“. Kutschinksi und sein Kameramann folgen darin den vier jungen Streichern wie zufällig und wie unbemerkt. Die vier machen ihrer Freude und ihrem Leid ohne Hemmungen Luft. Sie diskutieren auf dem Podium Feinheiten ihrer Interpretation; sie streiten zivilisiert, aber energisch, nach einem Konzert in Bozen über die Schwächen ihrer Arbeit und Zusammen-Arbeit. Oder man erlebt mit Staunen, wie sie sich von ihrem Mentor Eberhard Feltz in die Gedankenwelt Béla Bartóks führen lassen. „4“ hat schon einige Dokumentarfilmpreise gewonnen und soll bald in Kinos zu sehen sein.

Wer sich dem Rhythmus der Konzerte anschließt, gerät recht schnell in jenen Lockenhaus-Modus, für den das Festival seit Jahr und Tag bekannt ist. Es ist eine Verlangsamung des Daseins durch Konzentration auf das Wesentliche; ein Kuraufenthalt mit Musik als Heilmittel: Frühstück, Konversation mit alten und neuen Bekanntschaften, Mittagskonzert, Mittagessen, Konversation, Spaziergang, Kaffeestunde, Zeitungslektüre, kleines Abendessen, Konversation, Abendkonzert. Die Kellnerinnen und Kellner sprechen Österreichisch mit dem unwiderstehlich charmanten ungarischen Akzent – die Grenze ist nur zehn Kilometer entfernt. Alles, was man für die Zeit des Festivals braucht, hat der kleine Ort zu bieten. Die Welt schnurrt zusammen, wird sehr überschaubar. Vorausgesetzt, man lässt sich durch die auch hier eintreffenden Horrormeldungen nicht zu sehr aus der Ruhe bringen. Unverändert liefert das Lockenhauser Festivalerlebnis selbst die beste Erklärung, warum der Weltstar Gidon Kremer einst diesen Ort am Ostrand des damaligen Westeuropa wählte, um sich hier mit Freunden in das Abenteuer Kammermusik zu stürzen.

Trotz aller beglückender und erhellender Erlebnisse in der Begegnung mit Kammermusik aus allen Epochen bleibt die bange Frage, ob das Konzept weiter Bestand haben wird. Die Besucher sind mit ihrem Festival gealtert und viele junge sind nicht nachgekommen. Der 34-jährige Nicolas Altstaedt arbeitet zwar energisch an seiner Weltkarriere, aber sein Auftritt und seine Präsenz in Lockenhaus haben nicht das gewaltige Momentum, mit dem Kremer das Festival in Fahrt hielt. Die Ausstrahlung ist verhaltener, scheint mehr Spezialisten und Enthusiasten zu erreichen, als allgemein Musikbegeisterte. Der große Reiz des einstigen Lockenhaus war die Verwandlung des solitären Megasolisten Kremer, zusammen mit Freunden seines Ranges und Rufes, in einen Mit-Musiker unter anderen. Die Aufladung der Kammermusik mit der Aura der Superstars. Heute wird von brillanten jungen Musikerinnen und Musikern höchst vital Kammermusik aller Genres auf CD-Niveau gemacht. Das ist großartig und trägt mühelos zehn Festival-Tage hindurch. Aber wie nun gesehen, füllt es nicht wirklich die Ränge und Räume. Und damit auch nicht die Kassen.



Münchner Philharmoniker


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