Lobgesang Orozco-Estrada, Köln

Bewundernswerte Klanghomogenität und Leuchtkraft

Der kolumbianische Dirigent Andrés Orozco-Estrada (Foto: Werner Kmetitsch)

Das Mahler Chamber Orchestra und die Chöre des Westdeutschen und Norddeutschen Rundfunks führten Felix Mendelssohn Bartholdys "Lobgesang" unter Leitung des kolumbianischen Dirigenten Andrés Orozc-Estrada in Köln auf
(Köln, 5. Dezember 2012) Felix Mendelssohns "Lobgesang" gehört nicht gerade zu den häufig aufgeführten Werken des Komponisten. Auf Tonträger kümmern sich Dirigenten um die "Symphonie-Cantate" bzw. "Sinfonie Nr. 2" meist nur, wenn eine Gesamteinspielung der Sinfonien ansteht. Der "glückliche" Felix ist da freilich nicht alleine betroffen, bei Antonin Dvořák und Peter Tschaikowsky verhält es sich ähnlich. Andrés Orozco-Estrada hat mit dem Wiener Tonkünstler-Orchester, welchem er seit 2009 vorsteht, den vermutlich aktuellsten Mendelssohn-Zyklus im Visier. Im kommenden Februar wird der kolumbianische Dirigent (Jahrgang 1977) mehrfach die "Schottische" aufführen. In der Kölner Philharmonie hörte man jetzt die "Zweite", die bereits in einem Wiener Mitschnitt von 2010 auf CD vorliegt (Vokalparts: Christiane Oelze, Simona Saturova, Ian Bostridge, Chorus sine nomine). In Köln vereinigten sich die Chöre des Westdeutschen und Norddeutschen Rundfunks, einstudiert von Philipp Ahmann und David Marlow; es spielte das Mahler Chamber Orchestra.
Diesen Klangkörper hörte man vor Ort zuletzt zusammen mit dem Pianisten Leif Ove Andsnes am 18. November (siehe Rezension unter diesem Datum). Die häufige Präsenz des MCO erklärt sich daraus, dass Köln (in Nordrhein-Westfalen neben Dortmund und Essen) eine Residenzstadt dieses Klangkörpers ist, ebenso wie Ferrara und Luzern, wo das Orchester (ohne festen Sitz) immer wieder so etwas wie eine Heimat auf Zeit findet. In Luzern sind viele Musiker übrigens auch im Lucerne Festival Orchestra beschäftigt, welches Claudio Abbado leitet, der Gründer des MCO. Eine fruchtbare Zusammenarbeit gibt es auch mit Daniel Harding, seit 1998 erster Gastdirigent (damals war er gerade 22 Jahre alt). In Köln wird er mit dem MCO wieder am 30. Mai 2013 zu erleben sein.
Andrés Orozco-Estrada könnte man komplementär zum Venezulaner Gustavo Dudamel sehen. Beide sind qualitativ auf der gleichen Höhe anzusiedeln, unterscheiden sich im Grunde nur durch ihren (derzeitigen) Popularitätsgrad. Beide Dirigenten lassen musikalisch gerne das Feuer lodern, wobei Orozco-Estradas Körperbeweglichkeit mitunter noch etwas temperamentvoller ausfällt als Dudamels. Eine gewisse Eckigkeit der Gestik, das häufige Ausholen mit der linken Hand, immer wieder Kniebeugen – man fühlt sich an die Konvulsionen eines Georg Solti erinnert. Doch haben die "Pulttänze" von Andrés Orozco-Estrada nirgends etwas vordergründig Exhibitionistisches, sondern sind lediglich natürlicher Ausdruck von innerlichem Musikgefühl, vermitteln zudem erregende und präzise steuernde Impulse an die Spieler. Mit seiner Mentalität begeisterte Andrés Orozco-Estrada bereits 2004 in Wien, als er (einspringend für Heinz Wallberg) bei den Tonkünstlern Anton Bruckners "Romantische" dirigierte. Der Wiener "Standart" übertitelte seine damalige Rezension mit "Das Wunder von Wean". Auf KlassikInfo gibt es übrigens in der Rubrik "Porträts/Interviews" ein Gespräch mit dem Dirigenten.
Köln lernte Andrés Orozco-Estrada im Januar bei einem stark russisch gefärbten Konzert des Gürzenich-Orchesters kennen (u.a. spielte der fulminante Johannes Moser Tschaikowskys "Rokoko-Variationen"). Den Orchestermusikern war unschwer anzumerken, dass sie die Zusammenarbeit als künstlerisch überaus stimulierend empfanden. Im kommenden März stellt sich der Dirigent beim WDR Sinfonieorchester vor. Die beiden oben genannten Chöre werden dann erneut zu hören sein, diesmal mit Gioacchino Rossinis "Stabat mater".
Der vokale Anteil bei Mendelssohns "Lobgesang" hat immer wieder zu Anspielungen auf Ludwig van Beethovens 9. Sinfonie geführt. Doch bereits die unterschiedliche Mentalität beider Komponisten setzt solchem Vergleich Grenzen. Überdies ist Beethovens Werk einer auch in der "Fünften" verfolgten Dramaturgie "durch Nacht zum Licht" verpflichtet, während Mendelssohns Musik einen in sich geschlossenen Ausdruckskosmos bildet. Das zentrale Thema "Alles was Odem hat" ist  fast als Leitmotiv zu bezeichnen. Dass die ausgedehnte Instrumentalintroduktion diversen Affektwechseln unterliegt und die Tenorarie "Stricke des Todes" überraschend operndramatische Töne anschlägt, verdeutlicht die kompositorische Fantasie Mendelssohns ohnehin. Der insgesamt sakrale Anstrich des Werkes erklärt sich vielleicht nicht auf Anhieb. Uraufgeführt wurde "Lobgesang" 1840, als man der Erfindung von Johannes Gutenbergs Buchdruck 400 Jahre zuvor gedachte. Diese Technik half u.a. günstig mit, den reformatorischen Worten Martin Luthers Verbreitung zu verschaffen. Ein Luther-Zitat, welches die Musik als im Dienste Gottes stehend bezeichnet, ist kaum von ungefähr am Anfang von Mendelssohns Partitur notiert
Von lethargisch Weihevollem hielt sich die Interpretation Andrés Orozco-Estradas nun freilich gänzlich fern. Fraglos intonierten die Posaunen des MCO das markante Anfangsthema geradezu butterweich, gab es bei den Bläsern überhaupt eine stupende Klanghomogenität und -leuchtkraft zu bewundern. Doch seinem Naturell entsprechend suchte der Dirigent in der Musik vor allem das Feuer der Erregung, was fein gestaltete Übergänge und dynamische Abstufungen dann umso stärker wirken ließ. Das "Nun danket alle Gott" intonierten die Chöre mit einer vokalen Kultur und Inbrunst sondergleichen, was nach der gloriosen Widergabe von Arnold Schönbergs "Friede auf Erden" zu Beginn freilich kaum verwundern konnte. Obwohl noch deutlich tonal grundiert, changiert das im Original a cappella konzipierte, später mit stützender Orchesterbegleitung versehene Werk harmonisch überaus stark. An die Intonation stellt das höchste Anforderungen, welche an diesem Abend jedoch optimal erfüllt wurden.
Die Solisten bei Mendelssohn waren Sally Matthews, die mit einem kernigen Sopran aufwartete (bei "Ich harrete des Herrn" mit der nur weniger weichstimmigen Lenneke Ruiten an ihrer Seite), sowie Werner Güra mit seinem deklamationsstarkem, doch immer bestechend weich geführtem Tenor einer der führenden (vor allem Lied-) Sänger seiner Generation.
Christoph Zimmermann

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